Wasserburg – Der Brandner-Kaspar durfte einst einen Blick werfen in ein volkstümlich anheimelndes Jenseits. Auf glanzvoll höfischer Ebene war Ähnliches den zahlreichen Fans von „Concenti musicali“ beschieden: Der golddurchwirkte Hochaltar der Atteler Pfarrkirche bot das himmlische Ambiente für die „Chöre der Engel“, nämlich den Madrigalchor Edling/Wasserburg „Concenti musicali“, das „Schwanthaler Trompetenconsort“, das „Grassauer Posaunentrio“, die unverzichtbaren Basler Streicher, die Organistin und die ebenso stimmstarken wie tonschön, ausdrucksstark und wortverständlich deklamierenden Gesangssolisten.
Den „Rohstoff“ lieferten die Komponisten und Salzburger Domkapellmeister Heinrich Ignaz Franz Biber und Abraham Megerle. Letzterer kam in Wasserburg zur Welt. Um den Feinschliff bemühte sich erfolgreich Peter Adler, in Personalunion Chorgründer, Chorleiter, Musikwissenschaftler, Herausgeber der Megerle-Werke und leistungsstarker Motivations-Motor!
Die Programme seiner Konzerte gestaltet der verdiente Peter Adler sehr bewusst: Jedes Mal steht eine vollständige lateinische Messe im Mittelpunkt. Diese Messen seien die Symphonien der damaligen Zeit gewesen, meint Adler, also die repräsentative Form schlechthin, in der sich das Genie beweisen konnte. Diesmal wurde die „Missa S. Jacobi Maioris“ von Biber dem Publikum nahegebracht. Schon das „Kyrie eleison“ beginnt mit Triumphgebärden; von einer zerknirschten Innerlichkeit eines späteren Pietismus ist hier noch nichts zu spüren. Dennoch: kein hohler Pomp, sondern minutiöse Kompositionstechnik! Im Gloria durften die Bläser zeigen, dass sie nicht nur ein pures Fortissimo draufhaben, sondern ihren Instrumenten einen delikaten, füllig-warmen Goldton entlocken können.
Für die Postierung des Chors wurden beide Seitenkapellen genutzt, nicht nur, um den nötigen Abstand zu gewährleisten, sondern vor allem, um mit dieser räumlichen Aufteilung den Effekt einer Art Mehrchörigkeit zu erreichen. Immer wieder boten die Komponisten den einzelnen Stimmgruppen die Chance, sich kurzzeitig ohne Begleitung zu profilieren. Da tönte der glockenreine Klang des Soprans von links, bald eine der anderen Stimmen vom Altarraum oder von rechts. Doch auch bei vollem Orchester wussten sich die Choristen selbstbewusst Gehör zu verschaffen.
Auch die Streicher sorgten immer wieder für kurze lyrische oder ausgedehnte virtuose Passagen, gleichsam Girlanden, die sich den Koloraturen der Gesangssolisten punktgenau anschmiegten.
Zwei kurze Stücke seien herausgegriffen: „Justus ut palma“ von Megerle. Die Farbigkeit des Psalmtextes („Es blühn die Gerechten der Palme gleich, wie die Zeder des Libanon wachsen sie auf“) spiegelt sich in der köstlich bilderbuchartigen Buntheit der Instrumentation. In „Ascendit Deus“ lässt Biber den Menschensohn in ungestümem Tempo gen Himmel katapultieren – kurz und bündig.
In der ausgreifenden „Litaniae de S. Josepho“ zeigt uns Megerle (wie später Mozart), dass Litaneien durchaus spannend sein können. Kontraste und klangliche Differenzierung ergeben im Zusammenwirken mit den Solisten ein fein abgestuftes, aber geschlossenes Ganzes. Als Felsen in der Brandung gaben Mirjam Striegel und Irina Olshevskaia (Soprane), Markus Forster als kraftvoll falsettierender Altus, der strahlende Tenor Manuel Warwitz und der ohne Forcierung mächtig-sonore Bass Michael Mantaj dem dichten Klangbad den stringenten Zusammenhalt. Sie setzten gewichtige Akzente und waren mehr als nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Das Te Deum von Biber, ein wahrhaft grandioses Finale, riss das Publikum zu freudigem Jubel hin.
Auch wenn wir uns noch nicht für einen Daueraufenthalt im Paradies erwärmen können – Peter Adler hat sicher noch etliche Kostbarkeiten in seiner hochbarocken Schatztruhe für uns parat. Wenn nur der Himmel ab und zu offensteht…
Walther Prokop