Traunstein – Mit einer erfrischenden Ausstellung über Bildergeschichten von drei Künstlern beteiligt sich die Städtische Galerie Traunstein beim regionalen Literaturfestival „Leseglück“ im Chiemgau. Die fantasiebeflügelnde Schau ist noch bis 20. Februar zu sehen.
Ihren besonderen Reiz entfalten die Werke durch die Gegenüberstellung von Künstlerpersönlichkeiten aus drei Generationen. In ihnen spiegeln sich nicht nur Themen der Zeitgeschichte und Bildungshintergründe der jeweiligen Epoche wider. Reizvoll ist es auch, die Kunst der Strichführung in den gezeichneten Traumwelten wie ein Psychogramm der jeweiligen Künstlerpersönlichkeit auf sich wirken zu lassen.
Witz und
Bildungstiefe
Aus der Schenkung von Wilhelm Neufeld (1908 bis 1995), einem der herausragendsten deutschen Buchgrafiker und Professor an der Werkkunstschule in Mainz, der zuletzt in Chieming lebte, stammen Werke voll feinem Witz und klassischer Bildungstiefe. Etwa, wenn er sich als „Herr Adler“ über den Dingen schwebend erlebt und dabei den Schriftsteller ETA Hoffmann trifft, sinniert, reitet oder nach den Sternen greift. Kreative Gedankenspiele vergegenwärtigen Neufelds Bleistiftzeichnungen in seinem „Blödelbuch“ auf den Blankoseiten eines Programmhefts für einen Grafiker-Workshop.
Einblicke in die wildbewegte Zeit der Studentenbewegung, von kreativen Wohn- und Arbeitsgemeinschaften oder Transzendenzerfahrungen im indischen Auroville zeigt Maura Hagen facetten- und fantasiereich voller Humor in „Mein Leben, kurz zusammengefasst“ aus dem vergangenen Jahr. Die kreative Ausdruckskraft und der Schaffensreichtum der 1943 geborenen Grafikerin und Textildesignerin sind erstaunlich. Sie zeugen vom Ausbruch aus dem sprichwörtlichen Mief der 50er-Jahre hin zu neuen Lebensentwürfen.
Comicartig verdichtet sie eine „ordinäre Liebesgeschichte“ aus Hollywood auf einer handgenähten Patchworkdecke, inszeniert auf Kratzkarton ein „Casting der Nikoläuse“ oder nutzt Liebeskummer zum Erzählen einer sehr persönlichen Bildergeschichte als „Blümchen“ im Stil alter Hausmärchen in Sütterlinschrift. Zu neuem Eigenleben erwachen lässt Hagen wiederum auf einer traumähnlichen Bildersequenz den blauen Vogel aus dem Gemälde eines Künstlerfreundes.
Einen beinahe psychedelischen Sog entwickeln wiederum einige meisterhafte Bildergeschichten des erst 21-jährigen Samuel Freimoser aus Traunstein. Die ra-santen Comicstrips und zeichnerisch bearbeiteten Digitalfotos des Kommunikationsdesign-Studenten orientieren sich deutlich an Science-Fiction-Filmen, Videospielen oder Animationsfilmen. Fantastische Wesen und Aliens ohne Geschlecht bevölkern seine Zeichnun-gen. Sie entziehen sich „stereotypen Rollenklischees und Identitätsschablonen“, wie Galerieleiterin Judith Bader bei der Ausstellungseröffnung hervorhob.
Humor und
Imagination
Gerade in der vielerorts als lähmend erlebten Corona-Situation vermittelt die Bilderwelten-Ausstellung inspirierende frische Impulse. Der Humor, die Imaginationskraft und der Erfindungsreichtum der Werke und ihrer erzählerischen Kraft zeugen von der beflügelnden Kraft der Fantasie in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Oder wie es Maura Hagen auf einem Plakat formuliert: „Ich lass mir doch von der Wirklichkeit nicht vorschreiben, was ich wahrnehme.“ Eine kreative Einladung zum Perspektivwechsel und Ausstieg aus Alltagszwängen und dem Hamsterrad von Routinen.