Ruhpolding – Es sind faszinierende Gedankenspiele und Spiele mit der Wahrnehmung innerer und äußerer Erkenntnisprozesse, zu denen Rasso Hecker einlädt. In der Galerie Kaysser in Ruhpolding zeigt der Münchner Künstler noch bis 24. April eine Auswahl seiner Ölgemälde zu dem Thema „Jeux de Vagues – Variations“.
Der Titel deutet gleich in mehrfacher Hinsicht auf die Leitmotive, mit denen sich Hecker in seiner Arbeit auseinandersetzt. Da geht es einmal um das „Spiel der Wellen“, das Beobachten der Elemente Luft und Wasser in fortwährender Veränderung ihrer Gestalt und im Tanz miteinander als Ausdruck des Lebendigen.
Ebenso spielen Spiegelungen und Stimmungen des Lichts und das Atmosphärische in der künstlerischen Versuchsanordnung eine wichtige Rolle. Alles ist in Bewegung, aber nichts klar erkennbar, benennbar oder zuortbar. Dies verweist auf die zweite Bedeutung des Begriffes „vague“: das Vage, das Unklar-Diffuse, nur Erahnbare. Was Heckers Bilder auszeichnet, ist die meisterhafte Durcharbeitung unterschiedlicher Variationen und Nuancen von Blau-, Grün-, Rot- und Grautönen, die er zueinander in Spannung setzt. Die Malerei selbst wird so zum Gegenstand der Betrachtung.
Die Gemälde gleichen Sichtfenstern in eine andere Welt, die den Betrachter zum Zeugen phänotypischer Gestaltwerdungsprozesse werden lässt. Andeutungen lassen Assoziationsketten aufsteigen, um das Nicht-sichtbare, Erahnbare erfassen zu können. Zugleich wirkt die unglaubliche Tiefe, die die Gemälde auszeichnet, wie ein magisch anziehender Sog. Schaut der Betrachter in die Ruhe nach einem schrecklichen Schlachtgetümmel, auf die wildbewegte See im Sturm oder öffnet sich im Morgengrauen zwischen Tag und Nacht der Blick in den klaren Himmel?
Noch ein dritter Moment gibt den Bildern ihren besonderen Impuls. „Jeux de vagues“ ist auch der Titel einer Komposition des Musikers Claude Debussy. Unterlegt man die Gemälde Heckers ganz praktisch oder nur gedanklich mit der flüchtig-fantastischen Klangwelt des Impressionisten, eröffnet sich eine weitere Dimension des Bedeutungsraumes. „Ich arbeite grundsätzlich mit klassischer Musik und bin damit groß geworden“, erzählt der Sohn eines Orchestermusikers.
Neben der Musik faszinieren den Münchner aber auch kulturgeschichtliche Phänomene oder Stoffe der Literatur. So liegt die für ihre Steinzeitmalerei bekannte Höhle von Lascaux nur wenige Kilometer von Heckers Wahlheimat im französischen Valojoulx in der Region Perigord.
Neben dem Logbuch des „Entdeckers neuer Horizonte“, Christoph Kolumbus, hat sich der Münchner auch intensiv mit Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ auseinandergesetzt. Das mehr als 700 Jahre alte Monumentalepos inspirierte ihn zum Triptychon „Pictura Dantis“. In der Übertragung des literarischen Stoffs in Form dreier Gemälde (Inferno – Purgatorio – Paradiso) konnte sich der Betrachter in der atmosphärisch sehr dichten Situation vor dem malerischen Schöpfungsgeschehen mit existentiellen Fragestellungen auseinandersetzen. Die Wirkung dieser besonderen Art der Farbdramaturgie Heckers, die jeglicher Formproblematik entkleidet ist, macht ein Faszinosum der Werke aus, dem man sich nicht entziehen kann.
Dass seine Gemälde bei ihrer Entstehung einem ganz eigenen Schöpfungsentstehen folgen, macht die Herangehensweise des Künstlers deutlich. „Ich arbeite mich vom Dunklen zum Hellen durch“, sagt er. Auch bei den am stärksten durchgearbeiteten Werken bleibt so die Grundierung als dunkler Rand und Rückverweis auf den Prozessbeginn bestehen.Axel Effner