Rosenheim – Dass Goethe und Schiller den Terror der Französischen Revolution als Ermahnung zur Höflichkeit angesehen haben, zeigte Professor Dr. Stefan Matuschek in seinem Vortrag „Goethe, Schiller und Knigge über den politischen Wert der Höflichkeit“ im Künstlerhof am Ludwigsplatz. Matuschek, der Präsident der Goethe-Gesellschaft Weimar und Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist, sprach vor zahlreichen Zuhörern auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim.
„Höflichkeit war primär eine aristokratische Eigenschaft“, erklärte Matuschek. Sie habe dazu gedient, die sittliche Verrohung des Adels mit einem schönen Schleier zu verdecken. Zugleich sei sie eine Konvention gewesen gegen die Gewalt der Französischen Revolution. Goethe war ein Feind der Revolution, was etwa in seinem Lustspiel „Der Bürgergeneral“ zum Ausdruck komme, in dem er die Revolution als Farce betrachtet. Für den Dichter seien die Pariser Ereignisse jedenfalls keine Zeitenwende, so Matuschek.
Sei für Goethe die Höflichkeit ein Ausdruck von Sittlichkeit, gelange der Mensch laut Schiller durch Höflichkeit zur Freiheit. Adolf Freiherr von Knigge hingegen, dessen Buch „Über den Umgang mit Menschen“ 1788 veröffentlicht wurde, sei kein systematischer Denker gewesen, vielmehr habe er anekdotisch die soziale Situation der Zeit geschildert. „Knigge hat keinen programmatischen Entwurf formuliert, sondern eine Strategie, um sich gegen die Bedingungen des Ständestaates zu behaupten“, wusste der Referent. Dieser Opportunismus zeige eine Diskrepanz zwischen dem Aufklärungsideal und der ständischen Gesellschaft.
„Knigge hat Schiller als Dramatiker geschätzt, sein Bild von Goethe war negativ“, so Matuschek. Für Goethe und Schiller sei Knigge mit seiner Vermischung von Moral und Weltklugheit zu einer Kontrastfolie geworden. Reich sei das Buch wegen seiner aus Erfahrung beobachteten Einzelfallbetrachtungen, arm hingegen wegen seiner mangelnden Stringenz.
Für Schiller gelange man durch das Ideal der Höflichkeit zu einer friedlichen Überwindung der Ständeordnung, durch Schönheit zur Freiheit. Schönheit, so Matuschek, bedeute bei Schiller Aufrichtigkeit, Kunst als schöner Schein Freiheit. Der kulturelle Fortschritt habe eine Reduktion der individuellen Menschlichkeit zur Folge. Durch das Erlebnis von Höflichkeit könne der Mensch jedoch vor diesen Modernisierungsschichten gerettet werden.
Goethe, der in der Höflichkeit einen gesellschaftlichen Wert gesehen habe, sei ein Apologet des schönen Tons am Thron, erklärte Matuschek. In seinen „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, in der eine Gemeinschaft am politischen Streit zerbricht, lässt der Dichter den Geheimrat aus Schreck über einen privaten Konflikt zornig abreisen. Der unreife Charakter des jungen Revolutionärs desavouiert die Revolution, die Baroness hingegen soll durch guten Ton wieder Friede und Einigkeit herstellen. Goethe habe laut Matuschek die Privilegien des Adels verharmlost und verklärt. Georg Füchtner