Rosenheim – „Wir hören heute Musik von Erik Satie“ liest das Publikum in großen Lettern über der Bühne des Kuko. Und schon animiert Heinrich Klug das große und kleine Publikum, diesen Text auf einen der Ohrwürmer des Komponisten zu singen. Auch Eselsschreie, Taubengurren, das Muhen der Kühe dürfen alle singend imitieren. Das funktioniert prächtig. Prompt wird das Publikum vom Maestro als „Rosenheimer Eselschor“ hoch gelobt.
Kurz und gut: Heinrich Klug nimmt seine jungen Hörer ernst: Er überfordert nicht, doch Unterforderung ist ebenso wenig sein Konzept. Er stylt das Programm dramaturgisch minutiös durch.
Schulstuben-Pädagogik bleibt außen vor. Statt dessen serviert Heinrich Klug nonchalant und pfiffig farbige Infos. Da finden sich keine Längen, keine Hänger: Auf der Bühne ist immer etwas los, jeder Augenblick auch ein Augenschmaus. Selbst die Jüngsten zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Nach den Pointen immer wieder vergnügtes Lachen – und das nicht nur von den Erwachsenen.
Wer war Erik Satie? Vor 100 Jahren gestorben, galt er zu Lebzeiten lange als Spinner und Clown: Er schreckte die Zeitgenossen durch Schreibmaschinengeklapper, Nebelhörner, scheinbare Primitivität und seinen Hang zu Zirkusmusik, Varieté und Tingeltangel. Doch er hat die französische Musik der 20er-Jahre kräftig und nachhaltig aufgemischt. Er träumte sogar von einer Musik, die man nur als akustisches Tapetenmuster wahrnehmen sollte. Er ahnte freilich nicht, dass diese Vision dereinst in die aggressiv-nervige Beschallung heutiger Supermärkte ausarten würde…
Handgestrickt ist nichts in Heinrich Klugs Kinderkonzerten: Mit von der Partie sind Preisträger von „Jugend musiziert“, als Chansonnière brillierte die Sängerin Salome Kammer. Sieben jüngste Mädels vom Ballettensemble Gilching (Choreografie Hannelore Husemann Sieber) illustrierten anmutig und gekonnt die angedeuteten Inhalte der kurzen Stücke, in denen sich alles um „Sport und Unterhaltung“ drehte: Tennis, Flirt, Jagd, Wasserrutsche und schließlich: Feuerwerk. Das Timing, das die vielen winzigen Stücklein zusammenband, war atemberaubend, und die grazilen Tänzerinnen hielten präzise dieses Tempo durch.
Ein besonderes Ereignis: Monsieur Erik Satie kam höchstselbst auf die Bühne, mit Melone, Zwicker auf der Nase und Spitzbart. Und machte seinem Ruf als skurriles Genie alle Ehre. In drolliger Umständlichkeit gab er seine Kommentare und sorgte für spontane Lacher.
Das berühmt-berüchtigte Ballett „Parade“, an dem auch Picasso als Bühnenbildner mitwirkte, durfte zum krönenden Abschluss nicht fehlen. Das Publikum erlebte eine richtige Zirkusvorstellung: Die Clowns begeisterten durch virtuose Tolpatschigkeit, der Zauberer verblüffte mit magischem Know-how, und ein sehr realistisch wirkender Elefant wusste trotz seiner tonnenschweren Behäbigkeit äußerst elegant zu tänzeln.
Einhelliger, stürmischer Beifall von Groß und Klein! Und noch mal sangen alle, jetzt leicht abgewandelt, die Melodie des Ohrwurms: „Wir hörten heute Musik von Erik Satie!“ War’s cool oder war’s cool?Walther Prokop