Rosenheim – Im Gegensatz zur voluminösen Boots-Plastik von Jakob Gilg in der letzten Ausstellung des Kunstvereins, reckt sich aktuell lediglich eine unscheinbare blaue Blume in den Raum hinein. Sie scheint aus einem Pflasterstein herauszuwachsen – ist sie „die“ blaue Blume, das Sehnsuchtssymbol der Romantik, der Verbindung von Mensch und Natur und gleichzeitig der Wanderschaft? Würde passen zum großen Ausstellungsplakat mit einem Herz und einem halbierten Hakenkreuz, das in Kombination mit dem Motto „Bewegung Liebe“ wirkt wie eine Laufbewegung oder ein Fortschreiten.
Satirische und
politische Botschaften
Sebastian Jung hat für seine Exposition Elemente mit hintergründigen, satirischen und politischen Botschaften zusammengefügt. 108 kleine Strichzeichnungen, erstellt auf der Berliner Erotikmesse, karikieren die Sucht nach Liebe, hier in kommerziellem Rahmen, und zeigen mit maskenhafter Mimik Primitivität des Menschen. Daraus sprechen auch Einsamkeit, Banalität und Unreflektiertheit, wobei Jung selber beobachtet, jedoch keinerlei Wertung vornimmt.
Beim Rundgang folgt ein Zyklus mit Plastikblumen: Jung befreite sie aus einer Abfalltonne und belebte ihre Ästhetik durch einen Rahmen neu, jeweils begleitet von einer Zeichnung und einem kurzen Text. Manchmal sehr schön und romantisch, dann wieder gebrochen – teils geht es um scheiternde Paarkommunikation und deren Mechanismen.
Eine Fotoserie, geschossen mit der Handykamera und Momentaufnahmen quasi im Vorbeigehen, zeigt Bilder aus dem deutschen Alltag. Jung hat die auf den ersten Blick harmlos ausschauenden Motive bitterböse kommentiert, das Thema ist Alltagsfaschismus: „Solange nur zwei Menschen das Gleiche tragen, besteht keine Gefahr. Erst wenn alle das Gleiche tragen, ist leises Misstrauen unter Umständen angebracht. Außer, alle Menschen tragen nichts. Aber dann wäre auch alles gut“, so lauten die Zeilen unter den Porträts von Passanten, die ein ähnliches Outfit aufweisen.
Jung, Jahrgang 1987, hat Kunst und Gestaltung an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert. Er lebt und arbeitet in Leipzig, und setzt sich mit Faschismus auseinander. In einer „Thinktank“-Gruppe, zu der unter anderem die Autorin Sibylle Berg, Gregor Gysi und die Rapperin Lady Bitch Ray gehören, unternimmt Jung den Versuch, den Faschismus mit dessen eigenen Mitteln – sprich Missbrauch von Liebe für totalitäre Zwecke – zu kontern.
Dr. Olena Balun vom Kunstverein Rosenheim fasste dieses Konzept so zusammen: „Sie haben kurze Texte verfasst, die sich gegen den Rassismus, Faschismus und die Intoleranz jeder Art richten. Vieles davon lässt sich wie politische Appelle lesen. Man macht eben Propaganda gegen den Hass, für die Liebe. Scharfsinnig, emotional und nicht immer sanft.“
Herausfordernd
und aktuell
Die Ausstellung ist daher keine Exposition spektakulärer, einzelner Kunstwerke. Das Anliegen von Sebastian Jung ist der Zusammenhang des Ganzen, der sich letztlich durch die aufmerksame Lektüre der Texte erschließt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine und angesichts des Wiedererstarkens totalitärer Bewegungen eine aktuelle und herausfordernde Ausstellung.