Wasserburg – Ein ganz besonderes Kammerspiel präsentierte des Ensemble Augsburg bei den 16. Wasserburger Theatertagen mit Dennis Kellys „Waisen“. Ein verbaler Schlagabtausch zwischen drei Personen, die, je länger er dauert, immer mehr in die dunkle Seite der Menschen blicken lässt. Es ist geradezu eine Labor-Situation: Da sitzt ein Ehepaar zusammen – das Kind ist bei der Schwiegermutter – und will scheint’s einen romantischen Abend zusammen verbringen, da platzt der Bruder der Frau in die traute Zweisamkeit. Doch es ist kein „normaler“ Besuch.
Das Hemd
blutdurchtränkt
Das Hemd des Bruders ist von Blut durchtränkt, er ist hypernervös, und nach und nach lässt sich eine wahre Gräuelgeschichte rekonstruieren. Immer schön in Salamitaktik, also Scheibchen für Scheibchen, spielt der Autor die Figuren gegeneinander aus. Wobei die Frau sehr schnell Partei ergreift für ihren Bruder, den sie gegen alle moralischen Ansinnen ihres Mannes wütend verteidigt.
Dieser will nämlich die Polizei rufen, als die erste Version der Geschichte aufscheint: dass der Bruder nur deshalb Blut am Hemd hat, weil er einem angegriffenen Verletzten helfen wollte. Eigentlich keine große Angelegenheit bis auf die Tatsache, dass der Bruder bereits ob seiner Aggressivität polizeibekannt ist, was der Ehemann zunächst nicht wusste.
Die Frau fordert vehement, dass man den Bruder doch vor der Polizei schützen muss, schließlich ist er ja Familie. Der Mann hat seine Zweifel, aber selbst rauszugehen und sich den Verletzten anzusehen, bringt er dann doch nicht fertig. Zumal der Bruder nun zugibt, dass es sich bei dem Verletzten um einen Araber handelt, einen Jugendlichen, der sicher dabei war, als der Mann von einer Araber-Gang angegriffen worden war. Da ist es doch nur gerecht, wenn es dem schlecht ergeht… Außerdem sei der Junge, nachdem er seine Beteiligung eingestanden hatte, erst in Ohnmacht gefallen und dann doch davongelaufen…
Eine Geschichte, die sich auch nicht lange halten lässt. Bis der Bruder schließlich zugibt, dass er nicht das Opfer eines versuchten Überfalls wurde und bei seiner Verteidigung zu weit ging, sondern dass er dem Araber aufgelauert hat, wobei auch ein Messer mit einer kleinen Klinge wiederholt zum Einsatz kam… Und nun liegt der Araber gefesselt irgendwo versteckt und kann seinen Angreifer, den Bruder, wohl identifizieren. Da muss man doch was dagegen tun. Und der Mann hat keine Wahl: er muss helfen, die Situation zu bereinigen.
Stellen sich also viele Fragen: braucht es Mitleid mit einem Typen, den man nicht kennt? Gelten Menschenrechte auch für Immigranten? Und hat man nicht das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, wenn das eigene Leben beeinträchtigt wird wie beispielsweise die Frau meint, die ihr zweites Kind erwartet, es aber unter den materiell nicht ganz rosigen Umständen nicht haben will?
Wie schnell wird ein integrer Mensch korrumpiert, gar zum Mittäter einer mit Hass und Gewalt aufgeladenen Gesellschaft, in der die Underdogs ihre Daseinsberechtigung durch Brutalitäten gegen „die anderen“ beziehen?
Dass es in dieser Geschichte eher kein Happy End gibt, versteht sich, auch wenn das arme verletzte Opfer wohl mit dem Leben davonkommt. Der Preis, den der Mann dafür zahlen muss, dass er dem Schwager hilft, ist allerdings hoch. Er muss entdecken, dass unter dem Firnis der Zivilisation, für die er eigentlich steht, auch in ihm eine wilde Bestie lauert. Und ist es da eine gute Idee, wenn seine Frau sich am Ende dankbar entschließt, das Kind doch zu behalten und noch eine potenzielle Bestie in die Welt setzen will?
Quasi-Verhör
ohne Requisite
Dennis Kelly entwickelt ein packendes Psychodrama, das Regisseur Jörg Schur strikt am Text entlang in einem Quasi-Verhör requisitenlos entwickelt. Die Schauspieler verwandeln sich ganz ihren Charakteren an, verschmelzen mit der Rolle. Petra Wintersteller als Frau steigert sich in ihrer Zuneigung zum Bruder bis in ein hysterisches Kichern hinein, während Heiko Dietz als Mann eher der ruhende Pol bleibt, dessen Blick sich allerdings zunehmend leert. Olaf Dröge als hypernervöser Bruder kann die meisten Farben ins Spiel bringen: von der Verdrucktheit des Underdogs bis zum kämpferischen Rechtsradikalen, der weiß, dass er „Scheiße gebaut“ hat, aber damit – wie immer – davonkommt.
Dass er das Ganze in einem „Make love not war“-T-Shirt vorführt, zeigt die oberflächliche Verlogenheit einer Gesellschaft, die nichts Substantielles gegen Hetze und Gewaltaufrufe unternimmt. Am Ende gab es kräftigen Applaus des sich angesichts des den Menschen entlarvenden Stücks immer unwohler fühlenden Publikums.