Tanz als Inspirationsquelle

von Redaktion

Städtische Galerie Traunstein thematisiert das Werk des Pioniers Rudolf von Laban

Traunstein – Mit einer ungewöhnlichen, genreübergreifenden Ausstellung überrascht die Städtische Galerie Traunstein im Kulturforum Klosterkirche die Besucher aktuell in ihren Räumen. „Bewegungsstudien nach dem Tanzpionier Rudolf von Laban in Bild & Text“ ist die gegenwärtige Schau überschrieben, die bis 22. Mai dauert. Sie vereint eine Lyrikerin aus Karlsruhe und einen Künstler aus Dresden in ihrem Bestreben, sich vom Lebenswerk eines wegweisenden Tanzpioniers des 20. Jahrhunderts, Rudolf von Laban (1879-1958), zu zeitgemäßen Neuinterpretationen inspirieren zu lassen. Was das Ganze mit Traunstein zu tun hat? Der Sohn dieses Wegbereiters für den modernen Ausdruckstanz, Arpad von Laban, war Mitte der 1950er-Jahre eine wichtige Persönlichkeit im Kulturleben der Großen Kreisstadt. Sein Grab auf dem Waldfriedhof erinnert an diese bewegte Zeit.

Aufführungen
im Rokokosaal

Den vielfältigen Aktivitäten und Verdiensten Arpad von Labans (1905-1960) in Traunstein widmet sich ein ausführlicher Artikel in den Chiemgau-Blättern (Nr. 26/2005). So betrieb er von 1949 bis 1953 eine private Singschule an der Ludwigstraße 23 (ehemals Gasthaus „Geheimrat“) und gab Musikunterricht an den drei höheren Schulen in Traunstein. Ergänzend schrieb Ar-pad von Laban Kulturrezensionen für den damals noch existierenden Südost-Kurier in Traunstein und kompo-nierte über 200 Werke, darunter auch eine Kinderoper. Aufführungen gab es unter anderem im damals noch zugänglichen Rokokosaal am Stadtplatz, der hinter dem heutigen Café-Restaurant Lindl ein Schattendasein führt.

Eine der überraschendsten Entdeckungen in der Ausstellung ist eine lang gestreckte Konstruktion aus kompliziert angeordneten Metallstäben. Sie vermittelt dem Besucher ein ganz neues Raumgefühl im Ausstellungssaal im zweiten Obergeschoss. Wie der Dresdner Künstler Jean Kirsten im Gespräch mit Galerieleiterin Judith Bader erläuterte, habe ihn die Kombination ver-schiedener Vielecke – auch bekannt als „platonische Körper“ aus der Mathematik – zu diesem ungewöhnli-chen Kunstexperiment gereizt.

Das Werk verweist wiederum auf ein zentrales Anliegen des Tanzpioniers Rudolf von Laban. Dieser hatte vor seiner Karriere als Choreograf und Tanztheoretiker Kunst und Architektur in Paris studiert. In seinem Bestreben, die tänzerischen Bewegungen von der Starre des Balletts zu befreien, übertrug er sein von der Architektur geprägtes Raumverständnis auf neue tänzerische Bewegungsformen. So entwickelte er nach Aufenthalten in Wien und München ab 1910 in der freien Künstlerkolonie Monte Verità am Luganer See zusammen mit der Tänzerin Mary Wigman seine Lehre von den zwölf Bewegungsrichtungen des Körpers im Raum. Diese Tanzsystematik wurde eine der Grundlagen für die Entwicklung des modernen Ausdruckstanzes in Deutschland. Neben der Systematik entwickelte der spätere Ballettleiter der Deutschen Staatsoper in Berlin (ab 1930) eine Philosophie des Tanzes. In seiner „Choreosophie“ von 1922 postulierte er die Harmonisierung des in der technologischen Welt degenerierten Menschen durch den Einklang von Körper, Seele und Geist. Für ihn war der Tanz Kunstwerk und zugleich Ausdruck kosmischer Zusammenhänge, die der Tänzer affektiv erlebe und durch seinen Körper künstlerisch auszudrücken vermag.

Ästhetische
Reflexionen

Für den Dresdner Künstler Jean Kirsten wurde die Aus-einandersetzung mit Labans Tanztheorie zur inspirierenden Quelle für seine ästhetischen Reflexionen über Körper, Linie und Raum sowie Zwei- und Dreidimensionalität in der Kunst.

Bei einer Begegnung auf dem Monte Verità entdeckte Kirsten auch Gemeinsamkeiten mit der Karlsruher Lyrikerin und Laban-Biografin Regine Kress-Fricke, die dort als Großcousine Arpad von Labans Familienforschung betrieb. Ausdruck fand der künstlerische Austausch in einem gemeinsamen Buch und der aktuellen Kunstpräsentation in Traunstein.

Kostproben der Lyrik

Die Ausstellung „Bewegungsstudien nach dem Tanzpionier Rudolf von Laban in Wort & Bild“ läuft bis zum 22. Mai. Geöffnet ist die Städtische Galerie Mittwoch bis Freitag von 11 bis 17 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr. Kostproben ihrer von Laban inspirierten Lyrik gibt Regine Kress-Fricke bei der Finissage am Sonntag, 22. Mai, um 17 Uhr.

Artikel 10 von 11