Knallrote Sternenpflücker in Unterwössen

von Redaktion

Sechs Künstler machen verschiedene Plätze im Ortszentrum zu neuen Erlebnisräumen

Unterwössen – Passend zur Blüte der Obstbäume und Blumen im Frühling blüht auch Unterwössen kulturell auf: Mit dem neuen „Skulpturenpfad 2022“ entlang der Hauptstraße hat die Achentalgemeinde bis Oktober eine neue Attraktion auf Zeit, die auch überregional neue Gäste und Kulturbeflissene anziehen dürfte. Durch die Skulpturen entlang des Pfades würden besondere Orte geschaffen, die „zum Sich-Gedanken-Machen, zur Begegnung, zum Austausch und zur Diskussion einladen“.

Positive
Akzente setzen

Der Unterwössener Holzbildhauer Andreas Kuhnlein, der die Künstler für die Freiluft-Ausstellung gewonnen und die Ausstellung organisiert hatte, freute sich über die spontane Zusage zur Mitwirkung seiner Kolleginnen und Kollegen. Wichtig sei ihnen allen gewesen, in der schweren, durch Corona und Kriegsängste geprägten Zeit nicht mit provokativer Kunst auf Konfrontationskurs zu gehen. Stattdessen war das Ziel, zum Gespräch anregen, positive Akzente setzen, die Plätze im Dorf aufwerten.

Bürgermeister Ludwig Entfellner erinnerte daran, dass vor zwei Jahren das Seeräuberfest für ausgelassene Stimmung im Ort gesorgt hätte. „Seitdem waren Kunst und Kultur ausgebremst.“ Das öffentliche Leben sei regelrecht „auf Entzug“ gewesen, wobei sich gezeigt habe, „dass Kunst und Kultur durchaus systemrelevant sind.“ Der Skulpturenpfad passe gut zur Dorferneuerung, die in den vergangenen Jahren dazu geführt habe, die Aufenthaltsqualität und das Lebensgefühl im Ort deutlich zu verbessern.

Passend dazu greift die Oberwössener Künstlerin Monika Stein das Thema mit Humor in ihren beiden korrespondierenden Figurengruppen aus gewachstem Beton vis-à-vis vom Alten Bad auf. Ein sich anblickendes Paar in Umarmung („Die Zwei“) wird dabei aus sicherer Entfernung von einer Vierergruppe mit ver-renkten Hälsen genau beobachtet. Der sprechende Titel: „Sigst as a“.

Vor der Sparkasse lässt Werner Pink aus Trostberg virtuos einen aus Schrott gestalteten Drachen imposant die Flügel entfalten. Wie er erklärt, war die Massenverteilung zur Ausbalancierung und Standfestigkeit des Ungetüms eine Kunst für sich. Ein paar Schritte weiter gestaltet Pink aus Resten einer ausrangierten, nagelbesetzten Weinpresse aus dem Tessin ein aussagekräftiges Sinnbild für die Niedergeschlagenheit in Corona-Zeiten („Gefangen in der Pandemie“).

Im Kurpark und auf einem Rasenstück vor dem Sporthaus Färbinger setzen die rote Riesin „Rosa“ und die fröhlich himmelwärts strebenden, vier Meter hohen „Sternenpflücker“ des Holzbildhauers Josef Lang aus Denklingen im Landkreis Landsberg am Lech farbenfrohe Akzente. Ähnlich wie Andreas Kuhnlein beschäftigen den Künstler Fragen nach dem Ausdruck des „Urmenschlichen“.

Mit Plasmaschneider, Schweißgerät und Schwing-schleifer lässt wiederum der Metallbildhauer Peter Schwenk aus Maitenbeth assoziationsreiche „Erzählku-geln“ oder buntaufgereihte Stränge und Gebilde aus hochglanzpolierten Metallkugeln entstehen. Ohne Anfang und Ende laden die vor kindlicher Fantasie, Erzähl- und Gestaltungsfreude überbordenden Gesamtkunstwerke auf dem Wiesengrundstück vor der Pfarrkirche St. Martin zum Umschreiten, Träumen und Versenken ein. Absolut mutmachend sind die drei tonnenschweren Steinskulpturen des Bildhauers Rudl Endriss. Der ehemalige Fachlehrer und Hochschuldozent für Innenarchitektur musste sich nach einem Schlaganfall 1993 das Gehen, Sprechen, Schreiben und künstlerische Arbeiten mit nur einer Hand ganz neu beibringen. Deshalb ist ihm Sprache so wichtig.

Verzierte
Steinskulpturen

Dies drückt sich auch in seinen mit Begriffen verzierten Steinskulpturen aus, in denen sich der knapp 80-jährige Söchtenauer Bildhauer als scharfsinniger Beobachter der Gegenwart mit Wortwitz und Feingefühl artikuliert. Organisator Andreas Kuhnlein, der durch seine Holzskulpturen der „Zerklüfteten“ international be-kannt ist, prägt als Einheimischer bereits seit Längerem mit drei Arbeiten das Ortsbild.

Beim Rundgang mit den Besuchern ging er auf die verschiedenen Bedeutungsebenen seiner Werke „Zyklus“ (2019) am Alten Bad, der „Drang nach oben“ (2007) an der Hauptstraße gegenüber dem Edekamarkt und die „Wössner Blaß“ am Rathausbrunnen (2000) ein.

Folder mit der Beschreibung und Lage der einzelnen Skulpturen an den 13 Plätzen im Ort gibt es im Rathaus und in verschiedenen Geschäften.Axel Effner

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