Ein überragender Klaviergipfel

von Redaktion

Gleich drei Pianisten gastieren bei den „InselKonzerten“ auf Herrenchiemsee

Herrenchiemsee – Sie ist bescheiden. Ihren Namen würde Monika Horn am liebsten gar nicht lesen. Allerdings wird er im Programmheft genannt, und deswegen willigt sie ein. Dabei hat die Münchnerin für die „InselKonzerte“ viel geleistet. Ihr ist es zu verdanken, dass die schmucke Kammer-Reihe im Alten Schloss auf Herrenchiemsee einen neuen B-Flügel von Steinway hat. Über Musiker-Freunde kam der Kontakt zu den „InselKonzerten“ zustande.

„Es macht doch Sinn, dass dieser wunderbare Flügel für wunderbare Musiker bereitsteht“, erklärt Horn.

Zentrales Repertoire aus drei Epochen

Dass sich diese Investition mehr als gelohnt hat, offenbarte der große „Klaviergipfel“ am Wochenende. Mit ihm wurde der neue Flügel im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstifts erstmals bespielt. Drei Pianisten an zwei Tagen mit zentralem Repertoire aus drei Epochen: Das gab es noch nie bei den „InselKonzerten“.

Um es vorweg zu nehmen: Der neue Flügel hat diese Feuerprobe durchweg bestanden. Aus der Schweiz war Oliver Schnyder angereist. Er hatte die „Goldberg-Variationen“ BWV 988 von Johann Sebastian Bach im Gepäck. In diesem 1742 veröffentlichten Zyklus werden dreißig höchstkomplexe Einzelstudien zu einem Mammut-Werk aufgetürmt.

Die berühmte „Aria“ bildet nur den Rahmen. Die „Variationen“ dazwischen haben kaum etwas mit der „Aria“ gemein. Für ein „Clavicimbal“ mit zwei Manualen hat Bach dieses Werk komponiert. Wie übersetzt man diesen Originalklang auf ein modernes Instrument? Indem man den modernen Flügel in Phrasierung und Artikulation historisch informiert befragt. Genau das hat Schnyder getan. Statt einen Legato-Fetisch zu zelebrieren, spielte er wohltuend klar. Hierfür nutzte Schnyder vor allem auch das linke „Corda-Pedal“, das den Tonumfang reduziert. Gleichzeitig nahm er schon in der „Aria“ das Tempo fließend, um zudem auch den Tanzcharakter zu schärfen. Das alles hat auf dem neuen Flügel perfekt funktioniert, zumal das „Corda-Pedal“ einen betörenden Silber-Glanz zu zaubern vermag.

Schon bei diesem Auftakt erstaunte der Flügel mit einem endlosen Reichtum an Klanglichkeiten. Für Schnyder war dieser Zyklus am Nachmittag bei brüllender Hitze freilich genauso ein Kraftakt wie am folgenden Morgen für Anna Gourari die „24 Präludien“ op. 11 von Alexander Skrjabin. Ähnlich wie in Bachs „Goldberg-Variationen“ zeigt jedes einzelne Präludium einen ganz eigenen Charakter und Ausdruck.

Wie sehr sich der Russe in diesem Zyklus von 1893/96 auf Frédéric Chopin stützt, verrät allein das „Misterioso“ Nr. 16. Dieses Präludium reflektiert den berühmten Trauermarsch aus der Sonate op. 35. Sonst aber sind die „24 Präludien“ op. 28 von Chopin die zentrale Inspiration. So war es nur konsequent, dass Gourari die Präludien von Skrjabin mit drei bekannten Stücken von Chopin koppelte: das „Nocturne“ Nr. 1 aus op. 9, die „Polonaise“ Nr. 1 aus op. 26 und das „Scherzo“ Nr. 2 aus op. 31. Im vollgriffigen und zugleich lyrischen Spiel von Gourari offenbarte sich, dass der neue Flügel auch im rechten Halte-Pedal farbenreiche Schattierungen schenkt. Welche Palette an klanglichen Farblichkeiten in diesem Instrument steckt, offenbarte sich in den Schubert-Gestaltungen von William Youn. Der Co-Leiter der „InselKonzerte“ war der Gipfelstürmer dieses Klaviergipfels.

Beim CD-Label Sony wächst derzeit seine Gesamtaufnahme der Klaviersonaten von Franz Schubert heran. Mit der unvollendete „Reliquien“-Sonate D 840 gab Youn einen Vorgeschmack auf eine kommende CD seiner Gesamtaufnahme. Wie es Youn schaffte, aus diesem rätselhaften Fragment eine fast schon abgründige, fragile Schönheit zu zaubern, war ein Hörerlebnis allererster Güte. Er scheut keine Risiken, lässt sich Zeit für das zerbrechlich-stille Piano wie für die dramatischen Spannungsbögen. Nicht zuletzt spannt Youn unendlich weite Melodiebögen auf. Sein Lyrismus berührt zutiefst, ohne auf Dramatik zu verzichten. Mit diesem Profil belebte Youn auch die die Sonaten D 537 und D 894. Er spielt nicht einfach Klavier, sondern macht Musik.

Youn ist ein sinnlicher Klangpoet, ohne zu glätten und zu säuseln.

Jeder Tonartwechsel
ein Großereignis

Was er aus dem Flügel an Farbschattierungen herausstellte, war ein Hörkrimi: jede einzelne Note, jeder Tonarten-Wechsel ein Großereignis.

Besser konnte dieser „Klaviergipfel“ nicht laufen. Für die Zukunft liebäugelt Co-Leiter Nils Mönkemeyer beim neuen Flügel auch mit impressionistischem Repertoire, etwa von Maurice Ravel. Es bleibt spannend bei den „InselKonzerten“.

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