Rosenheim – Der Mensch in seiner Umgebung, der bebaute Raum und die leere Landschaft stehen derzeit im Zentrum gleich mehrerer Ausstellungen in Rosenheim. In der Kunstmühle zeigt der Kunstverein die architektonisch inspirierten Gemälde von Melanie Siegel und in der Stadtbibliothek sind die großartigen Luftbilder von Stefan Heuel zu sehen. Die Städtische Galerie widmet sich ebenfalls dem Thema, und zwar unter dem Motto „Gebaut und gewachsen“.
Haus als Symbol
der Zivilisation
In einer Duo-Ausstellung sind Werke des Bildhauers Werner Pokorny und des Malers Andreas Legath zu sehen. Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Elisabeth Rechenauer, strich die Bedeutung der beiden Künstler als „Schwergewichte“ hervor und ging auf den jeweiligen künstlerischen Werdegang ein. Werner Pokorny ist einer der stilprägendsten Bildhauer Deutschlands, seine Skulpturen finden sich im öffentlichen Raum in Städten wie Aachen, Freiburg und Stuttgart, ein markanter Turm steht im Stadtpark Ettlingen. Er unterrichtete Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und ist Mitglied der Kunstkommission in Baden-Württemberg. Zentrales Thema für ihn ist das Haus als Symbol der menschlichen Zivilisation. Hier vereinen sich gesellschaftliche und individuelle Bedürfnisse; das Haus ist der Schnittpunkt von Individualität und Gemeinschaft und hat somit politischen Charakter. Seine Plastiken sind oft großformatig, sie bestehen aus Holz oder Stahl, Pokorny arbeitet mit einer großen Formenvielfalt. Durch Drehungen, Reduktion oder Kippungen erzielt er ungewöhnliche Perspektiven und Überraschungseffekte, wodurch er zu neuen Betrachtungen von Haus und Häuslichkeit anregt.
Der in Bad Aibling lebende Maler Andreas Legath (Förderpreis der Stadt Rosenheim) stand in seinem Werdegang vor der Wahl zwischen Kirchenmusik und Kunst. Er entschied sich letztlich für ein Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Als Initiator der „Inntaler Klangräume“ wirkt er künstlerisch mit bei der Verbindung von Malerei und Klangerfahrungen im sakralen Rahmen, zuletzt in der Klosterkirche Attel (wir berichteten kürzlich). In seiner Malerei setzt sich Legath mit Landschaft auseinander, und im Speziellen mit den ausgemergelten, kargen Böden und rauen Gebirgszügen Süditaliens, einer archaische Welt. Es geht nicht um liebliche Ansichten sonniger Strände, sondern um ein von der Sonne gedörrtes, narbiges Land, in dem der Mensch eine untergeordnete Rolle spielt – maximal erkennt man in den Werken noch menschliche Spuren in der Landschaft wie aufgelassene Ackerterrassen. Auf seinen Wanderungen sammelt Legath originales Material wie Erde und arbeitet sie in seine großformatigen Bilder in Naturfarben wie Rost, Grau und Schlamm ein, in mehreren Schichten entsteht auf der Leinwand ein dreidimensionaler Effekt, Kristallsande reflektieren das Licht und sorgen für Lebendigkeit in den Motiven.
Beim Rundgang ist die Wirkung aus dem Zusammenspiel von Skulpturen und Gemälden, von Form und Farbe frappierend. Es ergibt sich eine starke Wucht und Energie aus der Verbindung der mitten im Raum stehenden Plastiken vor dem Hintergrund der erdverbundenen Malerei. Die Perspektive kommt noch hinzu, wie im Raum acht: Pokorny hat aus einem mächtigen Baumstamm einen fünfeckigen Block ausgeschnitten, die ausgehöhlte Baumscheibe wurde abgeflammt, der kleinere Block liegt davor (Sapelli, schwarz gebrannt, 2015). An der Stirnseite eine markante Gebirgslandschaft Legaths – der Blick wird perspektivisch aufsteigend gelenkt. In der Kombination kommt den Werken Pokornys die Rolle der Zivilisation zu, Legath schafft den Landschaftsrahmen. Dabei ergeben sich in der Betrachtung originelle Assoziationen, in der Fantasie kann man Geschichten ergänzen.
Beispielsweise in Saal 5, wo eine mittelgroße Holzskulptur Pokornys („Spiel IV“) den Turm zu Babel darstellt, also ein Symbol für untergegangene Siedlungstätigkeit und Hybris des Menschen.
Ökologische Belastbarkeit
Passend dazu erkennt man im Bild Legaths süditalienische Terrassenstrukturen in einer offensichtlich verwilderten Landschaft – hier hat sich Landwirtschaft offenbar nicht ausgezahlt, im mediterranen Raum meist mit Landflucht verbunden, eine Frage der ökologischen Belastbarkeit des Raums. Insgesamt ist der Städtischen Galerie eine enorm kraftvolle Duo-Ausstellung mit sich gegenseitig verstärkender, genreübergreifender Wirkung gelungen. Beim Besuch kann sich jeder selbst von der Wucht von „Gebaut und gewachsen“ überzeugen und eigene Entdeckungen bezüglich der Verbindung von Erde, Stahl und Holz und Landschaft und Skulptur anstellen.