Aschau – Eine große Dichtung, eine Schauspielerin, ein Buch, ein Stuhl und eine leere Bühne – mehr brauchte es nicht in der Aschauer Ertel-Tenne. Zum Auftakt des Herbstfestivals der Kulturbühne Aschau stand die Kleistsche Novelle „Das Erdbeben von Chili“ auf dem Programm. Und Antonia Gottwalds klare, sachliche Stimme genügte, um das „Erdbeben von Chili“ mit Einfühlsamkeit, mit Wucht und Pathos darzustellen. Kleistsche Worte in kristallener Schönheit – da konnte man sich der Kraft der Kleistschen Novelle schwerlich entziehen.
Da ist das junge Paar, das kein Paar sein darf, weil er ihr Lehrer war. Er muss ins Gefängnis, sie wird zum Tode verurteilt, weil sie sein Kind gebar. Und just als sie zur Hinrichtung geführt wird und er sich aus Verzweiflung erhängen will, wird die Stadt von einem Erdbeben erschüttert. Während viele alles verlieren und alles im Chaos versinkt, schenkt es den beiden die unverhoffte Freiheit und sie finden sich wieder: „Wie viel Elend über die Welt kommen musste, damit sie glücklich würden.“ Unter einem Granatapfelbaum können sie sich eine kurze Zeit der paradiesischen Illusion hingeben, alles werde gut.
Doch wer ist schuld an der Katastrophe? Wer bietet sich da besser an als diese beiden, die durch ihre Sünde den Zorn Gottes erregt haben. Zurück in der Zivilisation wartet der wütende Mob auf sie. Und der kennt keine Gnade. Mit dramatisierender Stimme ließ Antonia Gottwald das blutrünstige Finale ausschwingen, dass es einem regelrecht unter die Haut ging. Zuvor hatte sie noch schwelgend-romantisierend den Zufluchtsort beschrieben, das den vor dem Erdbeben geflohenen Menschen „…als Tal von Eden… im Schimmer des Mondscheins“ einen Zufluchtsort bietet, hatte über „Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen oder Staatsbeamte und Tagelöhner“ berichtet, die „sich wechselweise Hilfe leisteten,“ und andächtig die Liebe beschworen. Der Text Kleists irritiert, wühlt auf, macht betroffen, lässt nachdenklich werden.
Denn man erkennt, dass das Leben eine fragile Sache ist, in der sich alles schnell ändern kann, in der Leid und Glück parallel existieren. Und es wird bewusst, wie aktuell die Erzählung ist. Für Antonia Gottwald ist Kleist, wie sie selbst sagt, einer der ganz Großen. „Seine Dichtung ist ein Wunder, seine Sprache ein Genuss.“ Zum Rezitieren brauche es nur einen Menschen, der diese Dichtung spricht, dazu die Bretter, die die Welt bedeuten, ein Buch, ein Stuhl und das Publikum. „Große Dichtung ist zeitlos und trifft uns mitten ins Herz; und wenn unser Herz sich davon berühren lässt, wird es großmütiger, sanfter, nachsichtiger, verständnisvoller – weil wir etwas verstanden haben über uns selbst.“ Dieser Ankündigung wurde der Abend gerecht. Elisabeth Kirchner