Rosenheim – Es herrschte die gewohnte Jazzkeller-Atmosphäre, als der amerikanische Tenorsaxofonist Scott Hamilton nach zweijähriger Pause wieder mit dem seit 2008 bestehenden Trio des Pianisten Bernhard Pichl im Rosenheimer Club Le Pirate auftrat, mit dabei der Bassist Rudi Engel sowie Hausdrummer und Initiator Michael Keul, womit der Auftritt auch als 79. Ausgabe des Samerberger Jazzensembles fungierte.
Schnell zog der Weltklasse-Musiker, der schon in jungen Jahren mit Größen wie Benny Goodman oder Gerry Mulligan gespielt hatte, das begeisterte Publikum in seinen Bann. Charmant und kenntnisreich führte er nach der swingenden Eingangsnummer „You Say You Care“ durchs Programm, das sich aus bekannten und weniger bekannten Standards der Swing-Ära, des Modern Jazz und Latin zusammensetzte.
Hamilton verschmilzt die Einflüsse bedeutender Tenoristen wie Coleman Hawkins, Lester Young oder Stan Getz zu einem eigenen entspannt klingenden Sound mit eleganter Phrasierung und modernen Elementen, wobei er stilistisch vielfältig variiert. So swingte er entspannt in Stücken wie „Blue Velvet“ oder „Legs“, einer in den ersten acht Takten auf den Harmonien von „Whispering“ basierenden Filmmelodie Neal Heftis, hauchte lyrische Töne in Henry Mancinis Ballade „Two For The Road“ oder explodierte ekstatisch in Ray Nobles Up-Tempo-Komposition „Cherokee“, die auch Schlagzeuger Michael Keul für ein virtuoses Solo mit Besen und Sticks nutzte. Einen boleroartigen Rhythmus unterlegte Keul mit Filzschlegeln, einem Lied, das dem tropischen Flammenbaum „Poinciana“ gewidmet ist, wobei Hamilton und Engel sich ideenreiche Riffs wie Bälle zuspielten.
Bassist Rudi Engel, der das Ganze mit groovenden Walking-Bass-Linien begleitete, trat oft auch solistisch hervor und konnte besonders in Lucky Thompsons boppigen Blues „The Plain But The Simple Truth“ glänzen, wobei er unisono mit dem Saxofon das diffizile Thema gestaltete.
Einfühlsam setzte Bernhard Pichl seine Akkorde und gab Hamilton Raum für weite Melodiebögen. Solistisch zog er alle Register moderner Jazzpiano-Stilistik und entwickelte seine Improvisationen von sparsam getupften Single-Notes über glockenklare Melodie-Ketten bis zu dampfenden Blockakkorden, unterstützt vom zischenden Becken-Groove Michael Keuls, was besonders in der erdig-souligen Version von „Sunny“ zu hören war. Mit der stürmisch erklatschten Zugabe „Lil Darlin‘“, einer durch die Count-Basie-Big-Band bekannt gewordenen Wohlfühlkomposition Neal Heftis, beendete das Quartett einen Jazz-Abend, der wieder einmal Bud Freemans Urteil bestätigte: „Scott Hamilton bringt es fertig, dass man wieder an die swingende Jazzmusik glauben kann.“ Richard Prechtl