Vertraute Silhouetten werden zu Fantasielandschaften

von Redaktion

Wasserburger Ausstellung „Sehnsucht“ zeigt Bilder voller Metaphern und Allegorien von Willy Reichert

Wasserburg – Malerei zum Thema „Sehnsucht“ steht derzeit in den Galerieräumen Auf der Burg im Mittelpunkt. Willy Reichert zeigt dort noch bis Ende Oktober Ölgemälde und Aquarelle mit geheimnisvollen Landschaften, Stillleben und Aktdarstellungen.

Sehnsucht kann bittersüß und zugleich schmerzhaft sein. Sie kann lähmen, aber auch beflügeln. In Zeiten des Umbruchs wird dieses diffuse Gefühl im Wechsel zwischen Melancholie und Euphorie besonders intensiv erlebt. Das gilt auch für die bildende Kunst. Landschaften und Seestücke von Caspar David Friedrich oder William Turner zeugen davon. Sie waren richtungsweisend für die Stilepoche der Romantik. Bis heute sind in der Malerei Sehnsuchtsmotive immer wieder stark präsent. Aber woher kommt die Sehnsucht und wie gelingt es, den abstrakten Begriff in Bilder umzusetzen? Willy Reichert gibt dazu Antworten aus der Perspektive eines zeitgenössischen Wasserburger Malers.

In „Sehnsucht“ zeigt Reichert, wie farbenprächtige Stadtansichten und Landschaften zu Sehnsuchtsorten werden können. Wie in der klassischen Vedutenmalerei findet sich in den Arbeiten oft ein hoher Wiedererkennungswert. Andererseits changieren die Motive zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Vertraute Silhouetten werden dann zu erhabenen Fantasielandschaften. Meist stecken Reicherts Bilder voller Metaphern und Allegorien. Diese finden sich in den Stillleben ebenso wie in den figürlichen Darstellungen und Porträts, die einen weiteren Teil der Ausstellung bestreiten. Auch in den Blumenbildern verschmelzen Traum und Wirklichkeit. Aus botanischer Sicht sind die realistisch wirkenden Blüten und Blätter meist eindeutig zu bestimmen. Bei intensiver Auseinandersetzung aber wird eine zeitgenössische Romantik in den Bildern offenkundig. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt die blaue Blume als zentrales Symbol für die Sehnsucht nach Liebe und dem metaphysischen Streben nach der Unendlichkeit. In Reicherts Ausstellung werden vergleichbare Assoziationen geweckt, vorausgesetzt man lässt sich darauf ein. Neben der handwerklichen Perfektion faszinieren der Ideenreichtum und die bisweilen kryptischen Darstellungen in den Arbeiten des Wasserburger Malers. Gesichter, Körper, Silhouetten und Symbole erheben sich aus Nebelschwaden. Feine, oft komplementäre Farbspritzer und Linien am Bildrand verstärken Leuchtkraft und Tiefenschärfe. Licht und Schatten werden zu einer Einheit. Genreübergreifend bietet die Ausstellung „Sehnsucht“ ein breites Spektrum sehr lebendiger Gegenwartskunst. Reicherts Bildsprache ist dabei klar und zugleich geheimnisvoll. Es gelingt in seinen Arbeiten der Brückenschlag von der Welt des Realen in die Welt der Fantasie. Aus dem Spiel der Farben und Formen entfalten sich bemerkenswerte Bildsequenzen, die an eine pittoreske Zeitreise in die längst vergangenen Tage der Hochromantik erinnern.

Wolfgang Janeczka

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