Grausiges Schicksal einer bayerischen Hebamme

von Redaktion

Roswitha Grubers Zeitzeugenroman über die von den Nazis ermordete Therese Mühlberger aus Reit im Winkl

Reit im Winkl – Am 26. September 2020 wurde in einer Feierstunde in Reit im Winkl von dem Kölner Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein für die 1940 von den Nationalsozialisten ermordete Therese Mühlberger gesetzt. Dieses Ereignis nahm die ebenfalls aus Reit im Winkl stammende Roswitha Gruber zum Anlass, die Lebensgeschichte dieser Frau als einfühlsamen Roman mit dem Titel „Die verheimlichte Großmutter“ zu gestalten. Sie studierte Tauf- und Sterberegister und befragte Zeitzeugen, vor allem Mühlbergers Enkelin Helene Leitner, die die Stolpersteinlegung initiiert hatte.

Gruber erzählt aus der Perspektive der Enkelin und taucht dabei tief in die Familiengeschichte ein, deren Stammtafel am Schluss des Buches über die nicht immer ganz einfachen Verflechtungen Auskunft gibt. Zunächst aber erfährt der Leser einiges über das Leben der in München wohnenden Enkelin: wie sie des Öfteren mit ihrer Familie die Großeltern in Reit im Winkl besucht und erst 1972 als 13-Jährige erfährt, dass nicht Oma Katharina ihre leibliche Großmutter ist, sondern Therese Mühlberger, über die man immer geschwiegen hat und die 1940 in eine „Irrenanstalt“ gekommen sei. Das weckt die Neugier der Enkelin. Doch will man ihr nicht genauer Auskunft geben. Als auch Helenes Mutter schweigsam bleibt, beginnt sie, Nachforschungen zu betreiben, die in dem Roman ausführlich dokumentiert sind.

Was folgt, ist eine lebendig geschriebene Zeitgeschichte. Man liest nicht nur die Lebensgeschichte der Stiefgroßmutter Katharina beziehungsweise die des Großvaters, sondern auch den genauen Werdegang von Therese Mühlberger, die am 18. Juni 1898 in einer alten Mühle in Unterwössen zur Welt kommt, 1905 in Reit im Winkl eingeschult wird, 1912 als Hausmädchen ins dortige Krankenhaus eintritt, 1916 in München eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert und schließlich zu den Barmherzigen Schwestern kommt, die sie aber 1922 nach verschiedenen Stationen wieder verlässt, um ihrem Traumberuf als Hebamme nachzukommen.

Therese durchlebt nun eine harte Zeit in Reit im Winkl, vor allem im Inflationsjahr 1923, wo ihre Dienste als Geburtshelferin in Naturalien bezahlt werden. Die Lebensumstände in der Weimarer Republik werden genau geschildert, bis sich 1932 erste Anzeichen ihrer Krankheit bemerkbar machen. Neurologische Untersuchungen in Traunstein und München folgen. Inzwischen sind die Nationalsozialisten an der Macht, und Therese wird nach etlichen Schikanen „Therapien“ im August 1933 in die Heil- und Pflegeanstalt Gabersee eingeliefert. Dort verschlimmert sich ihre Demenz, so- dass sie im November 1940 zusammen mit anderen Patienten nach Schloss Hartheim bei Linz gebracht wird, wo „im Rahmen der sogenannten ‚Aktion T4‘ von Mai 1940 bis Dezember 1944 etwa 30 000 Menschen ermordet wurden.“ Richard Prechtl

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