Ruhpolding – Die Banane ist sein Markenzeichen. An den Fassaden von 4000 Museen, Galerien und Kunstorten weltweit prangt das Südfrucht-Logo von Thomas Baumgärtel. Mit seinen Bananen-Graffitis und gesprühten Kunst-Statements setzt Deutschlands bekanntester Streetart-Künstler leuchtend gelbe Ausrufezeichen im öffentlichen Raum. Durchaus auch im XXL-Format wie beim „Bananenhaus“ in Duisburg oder dem ART-Hotel Braun in Kirchheimbolanden mit der weltweit größten gesprayten Banane.
Dass der in Köln lebende Künstler die Übergänge zwischen Bildwerk, Aktionskunst und politischem Aktivismus sowie zwischen unterschiedlichen Kunstgattungen fließend gestaltet, zeigt auch seine aktuelle Ausstellung in Ruhpolding. In der Galerie Kaysser präsentiert Baumgärtel unter dem Motto „Bananen-Mix“ noch bis 5. März einen Querschnitt seines knapp 40-jährigen Schaffens. Warum gerade die Banane? Immer wieder wird ihm diese Frage gestellt, gesteht der 62-Jährige im Gespräch. Wie eine Offenbarung wirkte offenbar die spontane Eingebung während seines Zivildienstes 1983 in einem katholischen Krankenhaus. Dort ersetzte er die beim Herunterfallen zerbrochene Jesus-Figur aus Porzellan durch eine Bananenschale am Kreuz.
Während der Humor die Patienten offenkundig beflügelte, fiel die Reaktion der Ordensschwester heftiger aus. „Für mich war erstaunlich, wie viel Emotionen eine einfache Banane freisetzen kann“, sagt Baumgärtel. Nach dem Kunst- und Psychologiestudium lösten die von Blek Le Rat und Harald Naegeli inspirierten Sprühaktionen an Museen und öffentlichen Gebäuden in Köln Polizeieinsätze und „ordnerweise Strafanzeigen“ aus.
Inzwischen ist aus dem anonymen „Bananen-Sprayer“ ein Markenzeichen geworden, dessen Werke auf dem Kunstmarkt gefragt sind. Baumgärtel hat die von Andy Warhol 1969 für ein Plattencover entworfene Banane längst aus der Pop-Art-Sphäre befreit. Sprühaktionen am Kölner Dom und für Amnesty International, gegen Korruptionsskandale („Unsere Bananenrepublik“), Autokraten oder die Verhaftungswelle 2016 in der Türkei zeigen, dass für Baumgärtel die Übergänge zwischen Urban Street Art und Polit-Aktivismus fließend sind. Das provozierende Porträt des türkischen Präsidenten Erdogan machte sogar Polizeischutz für die Familie des Künstlers erforderlich.
Die überschäumende Vielseitigkeit von Baumgärtel, die sich 2019 in seiner Ausstellung „German Urban Pop Art“ im Leskanpark Köln gezeigt hat, lässt sich auch in Ruhpolding nachvollziehen. Neben Porträts der Queen, von Lady Diana oder Greta Thunberg in der von ihm entwickelten „Bananenstil-Technik“, Ausflügen in den „Bananen-Pointillismus“ („Tina in N.Y.“ und „Rote Trauben“) sind auch Übermalungen alter Meister („Das Glück der Pferde“) sowie Metamorphosen seiner „Original-Banane“ in Form der „Leoparden“-, „Herz“- oder „Schweiz“-Banane zu sehen. Auf Verwerfungen der Corona-Zeit verweist eine in Schwarz gehaltene „Impf“-Banane. Charlie Brown mit Banane wird als Galionsfigur des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo zum Helden gegen die Trauer des Terroranschlags von 2015.
Auf unsaubere Polit-Geschäfte verweist der „Bundesbananenadler“. Ein großformatiges Selbstporträt zeigt den Kölner augenfällig im Comicstil als schwarze Silhouette mit Gasmaske beim Sprühen vor einer Mauer. Dank der Freundschaft mit Galeristin Andrea Kaysser gibt es jetzt anlässlich der sechsten Einzel-Ausstellung von Baumgärtel erstmals auch eine „Ruhpolding“-Banane zu bestaunen.
Als Psychologe rechnet der „Bananen-Sprüher“ dabei immer mit ein, welche Wirkung seine Kunstwerke auslösen und dass „die Kunst erst im Auge des Betrachters“ entsteht, wie er sagt. So kann man auch die Darstellung einer überdimensionierten Banane sehen, die das Hauptportal des Kölner Doms penetriert. Sie erinnert an eine Kunstaktion vor Jahren und kann wahlweise als Statement gegen kirchlichen Missbrauch, geschmackliche Entgleisung oder plakativ-überzogenes Macho-Gehabe gesehen werden. aXEL eFFNER