Fasziniertes Erleben und tiefes Erschrecken

von Redaktion

Ein Vortrag beleuchtet das ambivalente Verhältnis zwischen Goethe und Beethoven

Rosenheim – Es ist eine Legende, dass Johann Wolfgang von Goethe musikalisch ungebildet gewesen sei. Vielmehr erhielt der Dichter bereits in seiner Kindheit und Jugend eine solide musikalische Ausbildung, spielte Cello und Klavier und besaß zudem ein Verständnis für zeitgenössische Musik. Die Beziehung Goethes zu Beethoven beleuchtete der Vizepräsident der Goethe-Gesellschaft Weimar, Professor Dr. Jochen Golz, in seinem erhellenden Vortrag „Meine Harmonie mit der Ihrigen verbunden – Beethoven und Goethe“ vor zahlreichen Zuhörern im Künstlerhof am Ludwigsplatz. „Beethoven hat Goethe eine große Verehrung entgegengebracht“, erklärte Golz. So sei Goethe der von Beethoven am häufigsten vertonte Dichter. In einem Brief Beethovens an Goethe vom April 1816 bedankt sich der Komponist für die herrliche Schöpfung des Egmont, dessen Ouvertüre er vertont. Goethe habe diesen Brief später voller Stolz in seine Autografensammlung übernommen. Mit der Antwort habe sich der Dichter jedoch Zeit gelassen, da die Partitur nicht eintraf. Er bewunderte zwar Beethovens außerordentliches Talent, habe laut Golz im Gegensatz zu Beethoven in seinem Brief aber keine unverstellte Herzlichkeit gezeigt. In Beethovens Egmont missfiel Goethe das Freiheitspathos, während seine große Liebe Marianne von Willemer die Ouvertüre enthusiastisch bewunderte.

Goethe und Beethoven begegneten sich im Sommer 1812 im böhmischen Teplitz. Es sei jedoch eine von Bettina von Arnim in die Welt gesetzte Legende, dass Goethe vor der österreichischen Hofgesellschaft beiseitegetreten sei und sich vor der Kaiserin tief gebückt habe, während Beethoven angeblich mitten hindurchmarschierte. Fatal gewesen sei die kulturgeschichtliche Wirkung dieses Bildes, das sich in einer Lithografie der Nachwelt eingeprägt habe: Goethe der servile Höfling, Beethoven der ungestüme Revolutionär.

Beethoven hinterlasse bei Goethe laut Golz zwar einen außerordentlichen Eindruck, besitze aber auch ein Element der Störung und Bedrohung. Im Gegensatz zu dem Komponisten habe Goethe ein harmonisches Verhältnis zu Welt. „Man tut sich selbst keinen Gefallen, die Welt wie Beethoven kritisch zu sehen“, erklärte Golz.

„Für Beethoven besteht eine Trennlinie zwischen der Welt der Politik und der Kunst“, stellte Golz fest. Dennoch habe er für Adlige komponiert, etwa ein Klaviertrio für Erzherzog Rudolph oder die drei Streichquartette für den Fürsten Rasumowsky. Goethes Freund Zelter, selber ein eher konventioneller Komponist, konnte mit Beethoven zunächst nicht viel anfangen, habe ihn aber später uneingeschränkt bewundert. Der alte Goethe, der sich von Mendelssohn im Haus am Frauenplan auf dem Klavier Beethoven vorspielen ließ, habe die Musik aufgenommen in einer Mischung aus fasziniertem Erleben und tiefem Erschrecken vor seiner elementaren Gewalt. „In seiner Trilogie der Leidenschaft hat der Dichter gleichwohl einen Hymnus auf die versöhnende Kraft der Musik geschrieben“, so Golz. Habe Beethoven Goethe sein Leben lang Verehrung, Liebe und Hochachtung entgegengebracht, stand Goethe Beethoven stets mit Reserviertheit gegenüber. Georg Füchtner

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