Bruchkanten kultureller Identitäten

von Redaktion

Die syrisch-deutsche Künstlerin Adidal Abou-Chamat in der Kunstsprechstunde

Traunstein – Es ist ein eigenartiges Gefühl des Befremdet-Seins und einer bedrohlichen Doppelbotschaft, das die mehr als 70 Besucher der Kunstsprechstunde in Traunstein erfasst. Zu sehen ist der Fotoausschnitt einer dunkelhäutigen Frau, die sich mit der linken Hand ans Schlüsselbein und den Halsansatz greift. Das Verblüffende: Die aus Latex täuschend echt nachgebildete und als Handschuh übergezogene Hand hat eine helle Hautfarbe. Sie ruht wie in einer Art Demutsgeste auf dem Halsansatz und wirkt doch so, als könne sie jederzeit in einen tödlichen Würgegriff übergehen.

Kalkulierte
Doppelbotschaft

Die Doppelbotschaft ist kalkuliert. Sie ist eines der Stilmittel, mit denen die deutsch-syrische Künstlerin Adidal Abou-Chamat seit den 1980er-Jahren arbeitet.

In ihren Foto- und Videoarbeiten, Zeichnungen, Collagen und großformatigen Rauminstallationen untersucht sie die Schnittstellen zwischen Fremden und Vertrauten, von kulturellen Demarkationslinien und unterschiedlichen Identitäten.

Die Arbeiten nehmen Maskierungen und Grenzüberschreitungen, Rollenbilder und Projektionen in den Fokus, thematisieren Körperlichkeit, Geschlechterzuschreibungen oder queeres Bewusstsein. In einer sehr persönlich geprägten Spurensicherung dekodiert Abou-Chamat die komplexe Dialektik zwischen exotischer Bewunderung und verschiedenen Ebenen der Diskriminierung.

Einen ihrer größten Erfolge feierte sie mit der Tanzserie „Dreaming of…“ von 2014. In der mehrteiligen Fotoserie übt eine Tänzerin die extremen Positionen des klassischen europäischen Balletts ein.

Bis auf die Augenpartie ist sie komplett verhüllt durch eine schwarze Abaya mit Niqab. Die weitverbreitete Vorstellung, beide arabischen Kleidungsstücke würden den Körper negieren und einschränken, wird durch die Konfrontation mit den eng anliegenden Spitzenschuhen des Balletts infrage gestellt. In sie werden die Füße für den Tanz auf der Spitze hineingepresst. „Damit stellt sich die Frage, welche Kultur den weiblichen Körper mehr unterdrückt und reglementiert“, fragte die 1957 in München geborene Künstlerin in der Kunstsprechstunde.

Als Tochter einer Deutschen und eines Geschäftsmannes aus Syrien hat Abou-Chamat kulturelle Rollenzuschreibungen und rassistische Vorurteile ebenso wie Bruchkanten der Identität und des Geschlechts am eigenen Leib erlebt. Nach dem Studium der Ethnologie in München setzte sie sich während ihres Kunststudiums in Edinburgh, New York und London intensiv mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen und -mitteln auseinander. In Traunstein zeigte sie vielfältige Beispiele ihres Schaffens. Die Besucher der Kunstsprechstunde reagierten überrascht auf die inhaltlich-thematischen Kippmomente mancher Werke sowie das Ausloten geschlechtsspezifischer Grenzen oder kultureller Demarkationslinien. Immer wieder geht es in Abou-Chamats Werken auch um ein Spiegeln des „kolonialen Blicks“. Etwa wenn Gräueltaten im früheren Belgisch-Kongo durch das Tragen hell- und dunkelhäutiger Hand- und Fußüberzieher aus Latex für ein gelindes Gruseln und Diskussionen beim Publikum sorgen. Oder wenn das „Identity Change Kit“ mit Nasen-, Kinn- und Lippenabgüssen aus Latex rassistische Zuschreibungen der „völkischen Wissenschaft“ aufs Korn nimmt.

Aufschlussreich ist auch die ironische Brechung des kubanischen Revolutionärs Che Guevara im Spannungsfeld von Erlöserfigur und erotischem Rebell durch eine Sammlung sentimentaler Erinnerungsstücke.

Wie Hass, Gewalt und Fanatismus das friedliche Miteinander der Völker und Kulturen vergiften können, machte Abou-Chamat in Traunstein mit einer Installation aus schwarzlackierten Wasserpfeifen deutlich. Sie wirken wie eine friedliche Stadtsilhouette aus Minaretten – wären da nicht die bedrohlich spitzen Klingen der aufmontierten Messer.

Gummi-Granaten
als Modeaccessoire

Ein Foto eines gehäkelten Pistolenhalfters und von Gummi-Handgranaten als Mode-Accessoires bilden ihre subversive Antwort auf die Brutalität von Gewalttätern. Ein Film über verschiedene Arten, ein Kopftuch zu binden, wurde für den Betrachter wiederum zum selbstironischen Gedankenexperiment: Er ertappt sich beim Blick in den Spiegel seiner eigenen kulturellen Vorurteile. In der Diskussion mit dem Publikum ging Abou-Chamat auf Fragen des Kopftuchstreits, der weiblichen Emanzipation und ihrer Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur ein.

Artikel 7 von 8