Sachrang – Hansjörg Schellenberger, 1948 in München geboren und in der Nähe von Regensburg aufgewachsen, studierte parallel Oboe und Mathematik, ehe er sich für die Musik entschied. 1965 gewann er den ersten Preis beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ für Bläser, 1971 siegte er im Fach Oboe beim deutschen Hochschulwettbewerb. Er war Solo-Oboist beim Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester und bei den Berliner Philharmonikern, Kammermusiker, Dirigate mit namhaften Ensembles aus aller Welt, Lehrtätigkeiten in Deutschland, Italien, Spanien und Japan. Seit 2021 ist er Dirigent der Berliner Symphoniker. Er leitet Meisterkurse für junge Künstler und Konzertreihen in Sachrang, wo er mit seiner Familie zu Hause ist. Ein Leben mit und für die Musik – am 13. Februar wird er 75.
Herr Schellenberger, Sie sind Musiker, Dirigent oder Dozent. Welche Rolle ist Ihr Favorit?
Ich kann keine Präferenz benennen. Musik als Ganzes ist für mich Schöpfung. Als Musiker bin ich ein Teil davon, mein Instrument ist das Mittel zum Zweck. Ich will mit der Musik Menschen erreichen, sie berühren. Von daher sehe ich mich als musizierender Diener. Dirigieren ist für mich ein Zusammenspiel, und da darf, da muss ich als Dirigent dem Stück nahekommen, den Reiz der musikalischen Konzeption erfassen, meine Musiker mitnehmen. Das hat für mich beinahe schon eine angewandte psychologische Funktion. Als junger Musiker musste ich das Unterrichten erst erlernen. Jetzt mit all meiner Erfahrung macht es mir große Freude.
Sie reden von Funktionen. Kommt da der Mathematiker in Ihnen durch?
Nein (lacht). Musik ist für mich Handwerk und Kunst zugleich. Für mich ist Karl Richter ein großes Vorbild. Wie er die Bachsche Musik mit Kraft, Intensität und Virtuosität umzusetzen verstand, das sucht heute noch seinesgleichen. Oder nehmen Sie Mozart. Da geht es um Sprache, um Agogik, natürlich auch um Klang. Das muss zusammen wirken und sehr gut phrasiert und artikuliert vorgetragen werden.
Werden deswegen so viele Musiker – verzeihen Sie den modernen Ausdruck – gehypt?
Die klassische Musik erfährt eine immer stärkere Kommerzialisierung. Da wird die Show viel mehr wahrgenommen als die Musik an sich. Da geht für mich die Wertigkeit der Musik verloren. Ich halte es mit Bernard Haitink. Der hat die Partitur am Ende eines jeden Konzerts hochgehalten. Der Applaus sollte dem Komponisten gezollt werden, nicht dem Dirigenten oder den Musikern.
Sie sind kein Freund der alten Instrumente?
Wir leben im Hier und Jetzt, sind aber viel mehr im Museum als früher. Wir haben so viel Sekundärliteratur. Eine Barockstimme von früher ist nicht eine heutige Barockstimme. Es sind doch die Menschen, die musizieren. Nikolaus Harnoncourt hat das in seinem Buch „Musik als Klangrede“ treffend beschrieben. Wir müssen unsere bisherigen Hörgewohnheiten im Sinne eines verstehenden Hörens auf völlig neue Fundamente stellen und aus der Beschäftigung mit alter Musik, ihrer Spielweise und ihren Instrumenten markante Impulse für die Musikpraxis von heute gewinnen. Damals war Mozart, war ein Beethoven oder ein Mahler modern. Man ist zu den Uraufführungen gereist, eben weil das Stück neu war. Heute ist es viel schwerer geworden, neue Musik den Menschen nahezubringen.
Sie sind weltweit unterwegs, aber immer auch mit einem Fuß in der Heimat Sachrang. Im Rahmen des dortigen MusikForums soll es heuer ein breiter gefächertes Programm geben.
Ich will mit Musik Menschen erreichen, denn Musik ist für mich Nahrung der Seele.
Unser MusikForum trägt nicht zu Unrecht die Überschrift „Seite an Seite“. Junge Künstler musizieren mit erfahreneren Musikern, es werden sich verstärkt klassische Werke mit zeitgenössischen paaren. Johannes Berger (geb. 1988) wird unseren Vorstand verstärken. Künftig sollen im KunstForum auch die bildende Kunst und das Schauspiel Teil des Ganzen sein. Bedauernswert, dass es nicht mit einem eigenen Konzertsaal in Sachrang geklappt hat. Dort hätten viele Künstler, aber auch andere Vereine einen Raum gefunden, um sich auszutauschen.
Wie geht es weiter?
Ich bin erfüllt von Musik. Mit der Musik kann und will ich nie aufhören. Und so lange ich spielen kann und darf, will ich auch weiter musizieren. Aber in einem Orchester ist mit 65 Jahren Schluss, also bin ich schon mit 53 bei den Berliner Philharmonikern ausgestiegen. Meine Frau hat mich dabei immer großartig unterstützt. Für uns beide ist Musik Grundlage. Musik erfordert Respekt und Rücksichtnahme und sollte deshalb für alle Schüler obligatorisch sein.
Dass Musik, also Kultur, als Luxus erachtet wird, ist falsch und stimmt mich traurig. Und dass in der Kunst, für mich Teil der Kultur, ständig gekürzt wird, ebenso. Denn Kunst ist das, was ich als Mensch mit allen meinen Sinnen erlebe. Interview: Elisabeth Kirchner