Das Hohelied der Liebe als musikalisches Mosaik

von Redaktion

„Cantus München“ und „Ensemble Philomusici“ präsentieren alttestamentarischen Text in jüdischen und christlichen Fassungen

Rosenheim – Mag sein, dass das Motto „Christlich-jüdischer Dialog“ für ein Konzert etwas spröde klingt. Doch was „Cantus München“ und das „Ensemble Philomusici“ in der sehr gut besuchten Christkönigs-Kirche an faszinierendem Klangzauber entfachten, muss man miterlebt haben, um es wirklich fassen zu können!

Kirchenmusiker Michael Anderl kündigte in seiner Begrüßung an: „Kalte Kirche, aber herzerwärmende Musik“ – und so war’s denn auch: Das „Hohe Lied der Liebe“ aus dem Alten Testament schürte schon durch seine ekstatische Lyrik die seelische Glut an – die Sänger und Musiker ließen die Musik auf hohem Niveau aufblühen.

Der Clou: Die Vertonungen der attraktiven Texte stammten etwa je zur Hälfte von jüdischen und von christlichen Komponisten in der Preisklasse Orlando di Lasso, Melchior Franck oder Palestrina.

Die relativ kurzen und überschaubaren Stücke ergänzten sich, boten Kontraste, steigerten sich gegenseitig und ergaben so ein erregendes Mosaik und einen Blick über eine großartige west-östliche Kulturgeschichte. Der hohe Kirchenraum ließ sowohl die filigranen Partien des solistisch besetzten Chors als auch die überwältigende Fülle des Tutti-Klangs in glasklarer Transparenz erklingen.

Greifen wir einige Perlen aus dem eineinhalbstündigen Programm heraus: Der 1984 geborene Elam Rotem ließ sich zwar ganz im Fahrwasser der Monodie à la Monteverdi treiben, wusste aber doch seine persönliche Sprache zum Ausdruck zu bringen.

Überzeugend zeitgenössisch präsentierte Marcus Schmidl (Jahrgang 1970) sein Werk „Reißende Wasser“. Der dramatische Text beschwört diese Wasser und flutenden Ströme, die ja bekanntlich nicht die Liebe auslöschen können.

Mit seinen hebräisch gesungenen Rezitationen begeisterte Assaf Levitin ebenso wie mit dem prachtvollen „Fili mi, Absalon“ von Heinrich Schütz. Sein machtvoller Bass tauchte den Text in intensiv-glühende Farben. Überhaupt Hebräisch! Man musste den Text nicht verstehen, um trotzdem dank des lebendigen Vortrags und der Kraft der Musik das Wesentliche der Aussage zu erspüren. Zum Nachlesen waren sicherheitshalber die deutschen Übersetzungen im Programmheft abgedruckt.

Alte Instrumente wie Theorbe, Zink und die Barockposaunen trugen wesentlich zum beglückenden Höreindruck bei. Frauenstimmen wie auch Bässe und Tenöre bestachen durch ihre präzise Diktion und ihr weiches Timbre. Blieben Wünsche übrig? Gerhard Hölzle und Robert Schlegel, die Leiter von „Cantus München“ und „Ensemble Philomusici“ dürfen sicher sein, dass sie in Rosenheim bei allen Zuhörern einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben.

Nebenbei: Ein schöneres „Ständchen“ wie dieses außergewöhnliche Konzert hätte sich der Hausherr von Christkönig, Pfarrer Sebastian Heindl zu seinem aktuellen 70. Geburtstag nicht wünschen können.

Walther Prokop

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