Zwischen Gemeinschaftssinn und individuellem Handeln

von Redaktion

Studierende der Münchner Akademie der Bildenden Künste zeigen die Ausstellung „solitary/solidary“ im Wasserburger Ganserhaus

Wasserburg – Der Titel der aktuellen Ausstellung in der Galerie im Ganserhaus lautet „solitary/solidary“. Er fragt nach dem Verhältnis zwischen Solidarität beziehungsweise Gemeinschaftssinn und individuellem Handeln, mit dem sich nicht nur freischaffende Künstler zwangsläufig auseinandersetzen müssen.

Der Titel ist der Kurzgeschichte „Jonas oder der Künstler bei der Arbeit“ (1959) von Albert Camus entlehnt. Diese handelt von der kaum lösbaren Problematik, als Künstler einerseits des (mentalen) Raums als Rückzugsorts zu bedürfen, andererseits auf die materiellen und gesellschaftlich-sozialen Anforderungen des täglichen Lebens reagieren zu müssen. Der Kunstmaler Gilbert Jonas artikuliert die Problematik auf einer weißen Leinwand, auf der mittig mit kleinen Buchstaben ein einziges Wort steht. Dieses ist schwer zu entziffern, entweder als solitaire oder solidaire.

Der italienische Künstler Mario Merz griff die beiden sich nur in einem Konsonanten unterscheidenden Wörter in den 1960er-Jahren für eine Arbeit auf. Er steckte die aus Neonröhren gebogenen Adjektive solitario/ solidale in eine mit Wachs gefüllte Kasserolle. Die Frage, wie man den Unterschied zwischen Individualismus und Kollektiv oder zwischen Kunst und Politik wahrnimmt, war in den späteren 60er-Jahren vor dem Hintergrund der historischen Protestbewegungen besonders dringlich.

Ein Phänomen der 60er-Jahre – das als Versuch gelesen werden kann, die Grenzen zwischen individueller und gemeinschaftlicher Arbeit aufzulösen – war das Verlassen des Ateliers als Ort der Produktion zugunsten einer ortsspezifischen Praxis. In diesem Sinne war die historische installative, ortsgebundene künstlerische Praxis nicht zuletzt ein politisches Unterfangen, indem sie individuelle Arbeitsrealitäten für Künstler in einen breiteren Kontext transferierte. Das verwinkelte Gebäude des Ganserhauses, wo sich der AK68 ebenfalls in dieser historisch „radikalen“ Phase gründete, wird mit der Ausstellung zu einer Art Metapher für den Themenkomplex.

Die Studierenden der Münchner Akademie der Bildenden Künste entwickelten für jeden Raum je eine ortsspezifische Arbeit, die sich teils mit der Geschichte des Hauses oder der Stadt auseinandersetzt.

Einige stellen dabei direkte Bezüge zu historischen Positionen der 60er-Jahre her. So entsteht eine zeitgenössische Perspektive auf die Thematik, die – so hat es uns nicht zuletzt die Pandemie gelehrt – noch immer grundsätzlich relevant für künstlerische und kulturelle Arbeit sowie ihre gesellschaftlichen Bedingungen ist.

In einem Gemeinschaftsraum der Künstler im Untergeschoss steht der gemeinsame Arbeitstisch aus dem Akademieatelier, der an den Ausstellungsort transportiert wurde. Er dient vor und während der Ausstellung als zentraler Besprechungs- und Arbeitsort, aber auch als Treffpunkt und Ort der Kommunikation mit den Besuchern. Diese sind eingeladen, zum Katalog, der hier im Verlauf der Ausstellung in Form einer lebendigen Materialsammlung entsteht, beizutragen.

Bis 12. März

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