Ein niederbayerisches Sprücherl behauptet, „gehn d Gens iwa d Schdrass, sans entn“. Obwohl in unserer Sprachregion der Witz darin nicht ganz perfekt funktioniert, da die Enten bei uns „Antn“ – mit hellem A! – heißen, haben auch wir in unserem Gäu die Lage-Angabe „ent“, „entn“, „enterhoib“ (enterhalb) im Wortschatz.
Im Standarddeutschen und im Alt-Münchnerischen heißt „ent“ so viel wie jenseits, auf der anderen Seite, drüben. „Ent“, auch: „Drent“, haben als Gegenstück ein „herent“, „herenterhoib“ (herenterhalb), also diesseits, herüben, hüben.
Die Lage-Angabe „ent“ hat es sogar zum Bestimmungswort von Ortsnamen gebracht. Dabei steht dem Ent-Namen gelegentlich der Namen des diesseitigen Ortes gegenüber, allerdings ohne das Bestimmungswort „herent“: Im Gemeindebereich von Rohrdorf treffen sich daher die Namen Buch und Entbuch, im Bereich Stephanskirchen die Ortsnamen Leiten und Entleiten.
Ohne namentlich bezeichnete und bekannte Gegenstücke existieren Entberg, Entfelden und Entmoos im Bereich Vogtareuth sowie Entgrub am Samerberg und Entleiten in der Gemeinde Neubeuern. Zumindest für Entbuch, Entgrub und Entleiten bei Neubeuern steht die Aussprache dank Gewährsmann Hans Purainer aus Hafnach fest: Das E wird als „normales“ geschlossenes E, also nicht als Ä, ausgesprochen; betont wird das Grundwort. Aber Obacht: Leiten ist zu beziehen auf mittelhochdeutsch lîte [mit langem î] ‚Bergabhang‘, wie es den beiden Autoren dieser Serie der Neubeurer Sprachforscher Dr. Josef Bernrieder einst mitgeteilt hat. Somit gilt die bairische Aussprache mit „ei“, nicht mit „oa“. Vergleichbar mit „oans, zwoa , drei“, Letzteres mittelhochdeutsch „drî“.
Bernrieder hatte für das Neubeurer Entleiten die folgenden Schreibungen ausfindig gemacht: Entleitten (1435), Entleutten (1550), Enntleitten (1580), Entleuthen (1795) und den Ortsnamen als „jenseitiger Bergabhang“ erklärt. Schon einleuchtend: „De Leitn do ent“ = „Der Bergabhang da drüben“ wurde zur „Entleiten“.
Nicht direkt in den Ortsnamen hinein gelangt sind dagegen die bairischen Richtungsangaben „auffi „und „owi“ (mit offenem O), „eini“ und „aussi“ sowie „umi“. Sie sind entstanden aus den oberdeutschen Formen aufhin, abhin, einhin, aushin und umhin und entsprechen somit den standarddeutschen Formen hinauf, hinab, hinein, hinaus und hinum (beziehungsweise hinüber).
Diese Richtungsadverbien werden aber nach wie vor verwendet, um die Wegstrecke vom Ausgangspunkt ab zu präzisieren. Angenommen, jemand würde in Raubling Richtungsangaben vornehmen, könnte es heißen: „Heid fahrnma auf Minga auffi“ (nach München). Oder: „Auf Rousnam owi“ (nach Rosenheim), „a d Schdodt eini“ (in die Stadt), „auf Pfraudarf aussi“ (nach Pfraundorf) und „auf Nicklheim umi“ (nach Nicklheim). Aber Vorsicht: Vielleicht heißt es auch „auf Rousnam aussi“, „auf Pfraudarf umi“. Es entscheidet die subjektive Einschätzung des Sprechers!
Etwas rätselhaft erscheint die Angabe „auf Minga auffi“, ja sogar: „auf Berlin auffi“! Ist es wirklich der Höhenzug des Irschenbergs, der München als „hinter dem Berg“ und somit als höher als Rosenheim oder Raubling gelegen erscheinen lässt? Oder steckt die Vorstellung vom „Hohen Norden“ – zumindest für Hamburg und Berlin – dahinter? Immerhin: Wenigstens heißt es (noch!) nicht: „auf Minga hoch“. Armin Höfer