Als hätte man den Bolero zum ersten Mal überhaupt gehört

von Redaktion

Erler Klaviertage Die Pianistin Claire Huangci spielt das Klavierkonzert D-Dur von Maurice Ravel – Orchester der Tiroler Festspiele Erl brilliert

Erl – Ein ganzer Konzertabend nur mit Ravel, kommen da genügend Leute? Der riesige Konzertsaal des Erler Festspielhauses war jedenfalls ausverkauft, und das Publikum reagierte hörbar enthusiastisch.

War dieser Komponist nur ein Ästhet mit obsessivem Hang zur Perfektion? War er gar ein seelenloser Artist, dem die „großen Gefühle“ gleichgültig blieben? Vier signifikante Werke aus Ravels Oeuvre zeichneten ein genaues Porträt „eines der größten Musiker aller Zeiten“ (Romain Rolland). André Suares witzelte dagegen: „Sein einziger Fehler ist manchmal, ohne Fehler zu sein.“

Erik Nielsen als Dirigent, das hoch motivierte Orchester der Tiroler Festspiele Erl und nicht zuletzt die unschlagbare Pianistin Claire Huangci outeten sich als glühende Sachwalter des französischen Meisters. Die Musik brachte nicht nur unsere Nerven zum Vibrieren, sondern auch unsere Gefühle zum Brodeln.

Das Programm wurde mit Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ eröffnet. Debussy und Ravel gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als Zwillingsbrüder, und Ravel hat ja auch einige Werke seines Freundes bearbeitet. Duftig und wie aus dem Nichts heraus begann die Soloflöte, während sich das Orchester mit delikaten Farben mehr und mehr ins Geschehen mischte. Ein verheißungsvoller Beginn! Die „Rhapsodie espagnole“ ist alles andere als plakative Folklore. Wie eine Phantasmagorie entwickeln sich die Temperamentsausbrüche langsam aus einer absteigenden, monoton wiederholten Linie, eben ein „Prélude à la nuit“! Doch spätestens im dritten Satz „Habanera“ geht’s zur Sache und Ravel zaubert ungeahnte Klangfarben. Im abschließenden „Feria“ fliegen dann virtuos die Fetzen, die Musik glüht…

Erik Nielsen, ein sympathisch uneitler, einem despotischen Maestro-Gehabe fernstehender Dirigent, weiß sein Orchester mit elegantem Schwung, aber umsichtig und sicher durch Blitz und Donner zu führen. Das riesige Orchester reagierte als homogene Einheit.

Diese Tugend kam in „La Valse“ voll zum Tragen: das „choreografische Poem“ ist ein Pandämonium, eine Vision des Wiener Walzers, wie er wohl in besseren k. und k.- Zeiten voller Glamour das Lebensgefühl bestimmte. Ravel schrieb sein Werk kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Die Trauer über Vergangenes prägt ohne Zweifel diese hochvirtuose Walzer-Reminiszenz. Blitzschnelle Stimmungswechsel, wie verwischt hingehuschte Fragmente, mal grell, mal voller Geigenschmelz – und doch wird alles formal zusammengehalten. Es entsteht ein Sog, der mit dem gewalttätigen, „tragischen“ Schluss abrupt sein Ende findet. Also doch große Gefühle!

Das Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand nimmt man nur beim Live-Hören als physische Kuriosität wahr: Die wirbelnde Linke der unerschrockenen Claire Huangci wirbelte über die Weite der Tastatur. Das ist nicht mehr nur Virtuosität, sondern unfassbare Akrobatik. Huangci schien ihre Tour de Force buchstäblich „mit Links“ zu bewältigen. Und doch scheint dieses Konzert nicht nur eine Artisten-Nummer, sondern ein emotional aufwühlendes Drama zu sein. Ravel jedoch ist immer bemüht, seine „Dämonen“ am Zügel und unter Verschluss zu halten. Umso intensiver die Wirkung!

Solistin, Dirigent und Orchester wurden vom Publikum frenetisch bejubelt. Eine kleine Zugabe von Claire Huangci, vierhändig zusammen mit Erik Nielsen, charmant! Kann man dieses Konzert noch toppen? Gefühlte 1000-mal hat man den Bolero schon gehört und man meint ihn in- und auswendig zu kennen. Doch dann setzt die kleine Trommel mit ihrem Bolero-Rhythmus ein, und die Bläser intonieren zart und wie aus einer anderen Welt die berühmten „Ohrwürmer“. Fast erschrickt man vor Wonne, als dann die ersten Geigen strahlend die Melodie übernehmen. Kennt man den Bolero wirklich?

Man glaubt ihn unter Erik Nielsens Dirigat (nicht zu schnell und nicht zu langsam!) zum ersten Mal zu hören. Der Mann an der kleinen Trommel: Bravissimo! Einhellige Begeisterung: Die Zuhörer riss es nach den letzten ohrenbetäubenden Einschlägen von Großer Trommel, Becken und Gong buchstäblich „vom Hocker“. Walther Prokop

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