Langer Abend der Jazz-Piano-Trios endet mit Augenzwinkern und Stil

von Redaktion

Michael Keul macht aus einer CD-Präsentation ein Mini-Festival – Vier Pianisten, zwei Bassisten und ein Schlagzeuger

Rosenheim – Höchst beliebt waren und sind in vielen Durchgängen die Konzerte des „Samerberger Jazzensembles“, organisiert und moderiert vom Jazzdrummer und -dozent Michael Keul. Doch dieses Mal erwies sich der größere Rahmen in größerem Saal als der Sache angemessen. Denn Keul hatte ein großes Tonträger-Projekt beendet und hierfür Aufnahmen mit 24 verschiedenen Piano-Trios auf sechs CDs aufgezeichnet, noch dazu für „Ärzte ohne Grenzen“ (siehe hierzu unser Interview).

Musikschule stellt
Saal zur Verfügung

Dankenswerterweise hatte die Musikschule den Hans-Fischer-Saal zur Verfügung gestellt und ein edles Piano gleich mit, an welchem am „langen Abend des Jazzpianos“ vier Protagonisten des Jazzpianos Platz nahmen. Als namhafte Begleiter am Kontrabass standen der aus Würzburg angereiste Rudi Engel – Stammgast bei den „Samerbergern“ – und Starbassist Henning Sieverts zur Verfügung, während Keul selber durchgängig am Drumset wirkte.

Den Auftakt machte am Piano Christian Elsässer, seines Zeichens Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in München, er spielt live mit Größen wie Klaus Doldinger, mehreren Big Bands und komponiert Filmmusik. Sein sperriges „Cycling“ war das Eingangsstück des Abends, unkonventionell und komplex. Sieverts lieferte ein erstes Solo ab und das Trio groovte sich ein, mit feinen gut getimten Schlagzeugeinsprengseln von Keul. Leichtfüßig und schwebend geriet die „Short Story 1“, mit unterschwellig aufbrandender Energie. Der zarte, lyrische Bar-Jazz der „Skylark“ wurde zum Finale dieses ersten Halb-Sets noch mit dem treibenden Duktus des auch von Chet Baker gespielten Klassikers „Alone together“ kontrastiert, und mit großem Applaus übernahm Pianist Nummer zwei. Claus Raible ist in der Region bestens bekannt als funkenerzeugender Bebop-Pianist, der gerne auch launig und mit tiefem Blick moderiert. Im mittleren Tempo kredenzte er ein Stück des mit nur 48 Jahren verstorbenen Bebop-Pioniers Tadd Dameron; im folgenden, leichtfüßigen „Picasso“ von Coleman Hawkins gab es viele Überraschungsmomente und Engel zauberte ein gelungenes Solo am Bass. Im Up-Tempo begeisterten Raible und Co. Mit „Interlook“ und „Soul and Spirit“, hohe Dynamik und quirlige Unruhe bestimmten den Sound. Nach der Pause, in der übrigens die durstigen Jazzfreunde die Bar leertranken – im KuKo passierte das mal bei einem Status Quo-Konzert mit den Biervorräten – übernahm Bernd Lhotzky die Tastatur. Wie die Vorgänger genießt er ebenfalls bestes Renommee, sein Album „As an unperfect actor“ aus dem Jahr 2021 war beim BR „Jazzalbum des Monats“ und in der engeren Auswahl des Preises der deutschen Schallplattenkritik, mit Sängerin Birgit Minichmayr und Quadro Nuevo. Gut gelaunt und mit feinem Witz sagte er die Stücke an, begann mit einer fröhlichen Latin-Anmutung, Keul benutzte dazu sein Schlagwerk wie Congas mit den Handflächen. Eines seiner Steckenpferde ist der Ragtime, sodass er ein rasantes Stück von James Pete Johnson kredenzte, gefolgt von einer Hommage an Willie „the Lion“ Smith, der einst mit James Johnson und Fats Waller den Stil des „Harlem Stride“ geprägt hatte. Wie auch der historische Smith erwies sich Lhotzky als echter „Tastenlöwe“, begeisterte mit virtuosem Spiel ein aufs andere Mal das Publikum, ließ ein populäres Cole-Porter-Stück folgen und überzeugte auf ganzer Linie mit Duke Ellingtons „Prelude to a kiss“, süßlich, gefühlvoll und mit gestrichenem Bass von Sieverts.

Zeit für Pianist Nummer vier! Bestens bekannt in Rosenheim ist Chris Gall, der zuletzt in der Stadtbibliothek und beim „Vulkane“- Auftaktkonzert aufgetreten war. Seinen Stil solle man als „Rosenheim 95“ bezeichnen, meinte er spitzbübisch, denn in dieser Zeit hätte er an den Sessions im „Le Pirate“ teilgenommen und es kam auch zu ersten Begegnungen mit dem Organisator des Abends, Michael Keul. Gleich mehrere Stücke hat Gall in seinem Werk anderen Musikern gewidmet, darunter Robert Glasper. Schön mäandrierend entwickelte Gall seine Linien am Piano – kontrastierend mit mehr Verve, Drama und Dynamik erfuhr der Auftritt eine Steigerung mit einer John-Coltrane-Komposition.

Zugabe und Schlussgag

Der turbulente Galopp seines „Reality Check“ als musikalische Antwort auf Verschwörungserzählungen preschte vorwärts und riss die erfreulich vielen Hörerinnen und Hörer im vollen Saal mit im krachenden Finale.

Als Zugabe und Schluss-Gag wechselten sich Lhotzky und Gall am Piano ab, begleitet von zwei Kontrabassisten – das kleine Festival endete nach gut zweieinhalb Stunden feinstem Piano-Jazz augenzwinkernd und mit Stil.

Andreas Friedrich

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