Erl – Eigentlich hätte Lukas Sternath, Gewinner des ARD-Musikwettbewerbs 2022, die Klaviertage Erl eröffnen sollen, doch der hatte ganz kurzfristig abgesagt. Claire Huangci, die an beiden aufeinanderfolgenden Tagen spielte, befand sich schon im Haus und sprang spontan ein, mit einem Monster-Programm: „Claire-Huangci-Festspiele“ nannte es Festspielpräsident Haselsteiner lächelnd.
Musik im
Sauseschritt
Hochenergisch, aber im Sause- ja Sturmschritt, aber dabei doch mit deutlichen dynamischen Schattierungen und abrupten Stimmungswechseln, dabei agogisch sehr frei mit Verzögerungen und Beschleunigungen, stürmte Claire Huangci durch Mozarts a-Moll-Sonate KV 310. „Allegro maestoso“ steht über dem Kopfsatz mit dem pathetischen Marschrhythmus, bei Huangci war es ein „Allegro energico“ in dauererregter motorischer Unruhe. Jagend und huschend war auch der Finalsatz, alle Läufe gerieten so schnell, dass daraus schon rauschende Klanglandschaften entstanden – als ob die Pianistin schon die darauf folgende „Waldsteinsonate“ im Kopf hätte.
Der Kontrast zum dazwischenliegenden Andante cantabile konnte deshalb nicht größer sein: Da drang Huangci in tiefe Seelenschichten vor, die Tonrepetitionen im Stakkato des graziösen Seitenthemas belebte sie so, dass wirklich kein Ton dem anderen glich. Wenn das Thema in den Bass wandert, wurde alles noch tiefgründiger, die Triller wirkten wie ein Nervenzittern oder Seelenbeben.
Erregt schnelles Tempo herrschte auch bei Beethovens „Waldsteinsonate“ mit Donnergrollen in der Linken und Wetterleuchten in der Rechten. Dabei gelang ihr mit ihrer stupenden Virtuosität das Kunststück, die pulsierenden Achtel-Dreiklänge in der linken Hand individuell zu beleben, sie also ihrer „Nur-Begleitung“ zu berauben. Aber der so grandios-stauende Effekt vor der Reprise, den Edwin Fischer einmal mit dem Donnergetöse vor dem Sonnenaufgang aus Goethes „Faust“ verglich, blieb unbemerkt. Dafür begann Huangci in großer Ruhe das Finale mit wie hingetupften Melodietönen über Bassgemurmel. Die gefürchteten Triller wirkten gar nicht so furchtgebietend, eher mühelos, das Schluss-Prestissimo war wirklich eine wilde Jagd.
Der Teil nach der Pause gehörte ganz Schuberts B-Dur-Sonate D 960, seiner letzten Klaviersonate. Das Schnellzugtempo war jetzt einer drängend-treibenden Unruhe gewichen, gleichsam einer existenziellen Unbehaustheit, die sich in dem berühmten drohenden Basstriller gewichtig manifestierte, der noch in den Trillern des zweiten Satzes nachzittert. Aber berückend war, wie Claire Huangci das Thema mit jedem Harmoniewechsel in immer andere Stimmungsfarben tauchte und es wie in einem gelebten Leben durch harmonische Dickichte, tief eingeschnittene Seelentäler und über einsame Hochflächen wandern ließ, sodass es bei der Reprise sich anhörte wie durchs Leben gezeichnet.
Große Bögen gezeichnet
Das Andante ließ Huangci nicht zeitlich versanden, sondern verstand es melodisch großbogig, malte dabei mit der linken Hand auch immer große Bögen in die Luft, sodass im Kopf des Zuhörers farbige Regenbögen entstanden. Das leichtfüßige Scherzo geriet dann wieder so voller Unrast, dass der so graziös-delikate Walzerrhythmus verwischt war: Keine Rast. Nirgends.
Kreiselnd und dauerwirbelnd bis zum Schwindeligwerden, aber im tragischen c-Moll, tanzte sich das Rondo-Thema durch den langen Schlusssatz, mal wildwütig-erregt, dann wieder duftig silbern klingelnd, immer aber voll verhaltenem Schluchzen: tief berührend.
Für den losbrechenden Applaus bedankte sich die Pianisten mit Chopins Nocturne op. 27 Nr. 2, klangsprühend und klangsinnlich: wahre Clair-Huangci-Festspiele.