Erl – Claire Huangci, die phänomenale Pianistin, hatte diesmal bei den Tiroler Festspielen in Erl alle Hände voll zu tun: Erst sprang sie für Lukas Sternath ein, tags drauf stürzte sie sich auf Maurice Ravels wahnwitzig schwieriges Klavierkonzert (nur!) für die linke Hand. Und schließlich hatte sie noch ihren angekündigten Soloabend zu absolvieren. War zu befürchten, Huangci würde nun Ermüdungserscheinungen zeigen? Im Gegenteil, mit Elan und im Vollbesitz ihres künstlerischen Potenzials bewältigte sie ein anspruchsvolles, kontrastreiches Programm: Scarlatti, Mussorgski, Beethoven und Gershwin.
Domenico Scarlatti schrieb eine Menge einsätziger Sonaten, reizende Charakterstücke oder – nach Einschätzung des Komponisten – eher Etüden. Egal, Claire Huangci ließ diese Musik perlen, ja wie Champagner moussieren, glitzernde Ketten fügten sich aneinander – ein erfrischender Aperitif.
Mit Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ wurde es ernst, jetzt kam die erste gewichtige Hauptmahlzeit. Man muss nicht unbedingt die einzelnen Titel dieser „Bilder“ kennen, um die Musik verstehen zu können. Trotzdem wäre es eine Hilfe, die Satzbezeichnungen mit ins Programmheft zu nehmen. In strahlenden Glanz tauchte die Pianistin das fanfarenartige Motiv der „Promenade“, ließ den „Gnom“ bösartig sein Unwesen treiben und die „Hexe Baba Yaga“ in wirbelndem Tanz schier leibhaftig erscheinen. Kostbar hoben sich zwischen diesem Fortissimo-Getümmel die leisen Passagen ab, etwa „Das Alte Schloss“ und auch die entsprechenden Teile der Promenade. Da ließ die Maestra die Töne in delikatestem Pianissimo erklingen. Gekrönt wird dieser Zyklus vom „Großen Tor in Kiew“; die Melodie der „Promenade“ steigert sich zu hymnischem Jubel, Glocken dröhnen. Und wir Hörer denken spontan, möge nie der Aggressor durch dieses Tor marschieren…
Auch in Shakespeares Schauspiel „Der Sturm“ tummeln sich fiese Potentaten, aber die guten Mächte siegen. Von diesem Stück ließ sich Beethoven zu seiner „Sturmsonate“ inspirieren. Diese Welt des Guten wird mit zarten Arpeggien beschworen und mit „Rezitativen“, die von einer unwirklichen Aura umhüllt, bewusst mysteriös erklingen. An diesen Stellen scheint die Musik aus der Zeit zu treten, der Metronom hat seine Macht verloren. Da wusste nun die große Technikerin Huangci mit äußerstem Fingerspitzengefühl sich in diese intime Zauberwelt zu versenken.
Gar der langsame zweite Satz setzte unser Zeitgefühl außer Gefecht. Huangci hielt trotz dieses extremen Adagios stets die innere Spannung. Fabelhaft!
Und dann George Gershwins „Rhapsody in Blue“! Konnte das gut gehen? Ja, es ging sogar exzellent: Die Pianistin nahm dieses populäre Werk in schwindelerregendem Tempo, und so erschien die Musik quasi stilisiert, als ob man diese „Rhapsody“ nur träumte. Die vielen Einzelteile (Leonard Bernstein bemängelte, es sei keine Komposition, sondern Stückwerk) wurden zur Einheit geschweißt. Kein „gemütlicher“ Jazz war mehr zu hören, sondern die Essenz dieses Stils. Ein erregendes neues Hörerlebnis!
Kein Wunder, dass sich der Beifall zu lautstarken Bravi und polterndem Getrampel steigerte. Schließlich musste Claire Huangci sich mit einer Zugabe bedanken: Sie verabschiedete sich mit einem Rachmaninoff – er hätte am 1. April seinen 150. Geburtstag feiern können.Walther Prokop