Prien – Fotos und Videos allüberall sind in unseren Tagen Gewohnheit geworden, sodass die meisten Menschen kaum noch bewusst davon Notiz nehmen. Fotos und Bilder gibt es bis Mitte Juni auch in der Galerie im Alten Rathaus, allerdings ganz anderer Art: eine sehr gut konzipierte Ausstellung von völlig unterschiedlichen, hoch professionell aufgenommenen Fotos, die so gar nichts mit flachen Werbebildern zu tun haben.
In der tatsächlich faszinierenden Ausstellung finden die Arbeiten von 20 Fotokünstlern aus der Region und der weiteren Umgebung Raum, die 20 aktuelle Positionen der Fotografie in vielen ihrer Ausformungen zeigen, gleichsam „fotografische Bilder“. In den verschiedensten Techniken, analog und digital, Collagen, technisch basierte Bildmedien, handwerklich immer meisterhaft gearbeitet bieten sie als Teil der Gegenwartskunst in herausragender künstlerischer Qualität einen neuen Blick auf unsere Welt. Viele der Arbeiten sind für den Betrachter dazu geeignet, seine Sehgewohnheiten zu überdenken, vertieftes Sehen und neue Perspektiven zu entdecken.
Jeder der ausstellenden Fotokünstler hätte eine ausführlichere Reportage über sich selbst und seine Arbeiten verdient.
In der Sonderausstellung im Studio im zweiten Stock wird die Fotokünstlerin Karin Schneider-Henn für ihr Lebenswerk geehrt. Sie hat zusammen mit Inge Fricke und anderen die Präsentation kuratiert. In einem Querschnitt ihres Schaffens, angefangen von frühen analogen Schwarz-Weiß-Fotografien bis zu den späteren, auch digital aufgenommenen Bildern und Foto-Collagen stellt sich die Entwicklung einer großen Fotokünstlerin dar. Karin Schneider-Henns Bildsprache birgt sowohl malerische als auch erzählende Aspekte. Ihre subjektive Sicht der Dinge kann den Betrachter zu ganz individuellen Wahrnehmungen und Emotionen bringen. Die erst in 2022 entstandene, großartige Foto-Collage „Die Reise nach Europa“ lässt den ganzen Kosmos der leidvollen Kolonisationsgeschichte Afrikas bis zu den heutigen Flüchtlingstragödien vor dem geistigen Auge erstehen – noch immer schwingt der weiße Mann drohend die Eisenkugel zur Fesselung und Ausbeutung der Menschen auf dem reichen Kontinent.
Nach dem Studium an der Bayerischen Lehranstalt für Photographie in München arbeitete sie zunächst als Werbefotografin auch in New York. Sie fotografierte für Zeitschriften und Presseagenturen. 2005 gründete sie selbst eine Fotogalerie, erst in Wasserburg, dann in München. Heute lebt und arbeitet sie in Rimsting.
Die ausgewählten Fotokünstler sind nicht nur in ihren Arbeiten, sondern auch in ihren Biografien sehr unterschiedlich. Jüngste unter ihnen ist die 22-jährige Maria Konopka. Sie zeigt in ihren Foto-Collagen Strukturelemente der Architektur, zum Beispiel von der BMW-Welt in München, die sie mit eng beschriebenen Einträgen aus ihren Tagebüchern wirkungsvoll verbindet.
Einer der erfahrensten hier ausstellenden Künstler ist Thomas Lüttge aus Dietramszell. Er stellt eine kleine Auswahl seiner umfangreichen Werke hier unter das Motto: „Der Schöpfungsprozess hat vor jeder Idee angefangen und setzt sich im Betrachten weiter fort.“ Nach dem Studium an der Kunstakademie Hamburg und Karlsruhe sowie der staatlichen Fotoschule München arbeitete Lüttge seit 1966 als freier Fotograf. Seine insgesamt 18 Fotozyklen wurden weltweit in vielen Einzel- und Sammelausstellungen gezeigt.
Auf den ersten Blick packend sind die Schwarz-Weiß-Fotografien von Martin Waldbauer, Jahrgang 1986, der in Hauzenberg bei Passau lebt. Unbekannte Menschen, verwitterte, unverstellte Gesichter oder die Hände eines Holzarbeiters oder einer Bäuerin vermag er in seinen technisch meisterhaften Fotografien unvergleichlich eindrucksvoll darzustellen. Lebensgeschichten entstehen vor dem geistigen Auge des Betrachters.
Insgesamt macht die Präsentation bewusst, dass auch die Fotografie immer eine Interpretation der Wirklichkeit ist, denn die Wahl des Bildausschnittes, die Stimmung und die Atmosphäre des Bildes prägen unsere Wahrnehmung von der Realität.