Sachrang – Musik und verbindende Worte über Glaube, Trost und Hoffnung, dazu zwei Protagonisten – mehr brauchte es nicht für eine besinnliche Stunde in der Sachranger Pfarrkirche St. Michael. Das war Gebet, das war Andacht, das war eine Einladung, innezuhalten. Sich einzulassen auf die tiefgründigen und berührenden Oboen-Soli-Stücke von Professor Hansjörg Schellenberger. Die sorgfältig ausgewählten Texte – vorgetragen von Pfarrer Paul Janßen – auf sich wirken zu lassen. Sich die Karwoche zu vergegenwärtigen, in sich gekehrt oder den Blick auf die drei Fastentücher, die am Hauptaltar und an den Seitenaltären bildhaft die Passion darstellen, richtend. Das poco adagio aus der Sonate in a-Moll für Oboe solo von Carl Philip Emanuel Bach (1714 bis 1788) setzte zusammen mit der Allemande partita in g-moll von J.S. Bach (1685-1750), BWV 1013 – beide wohlfein, elegant-verspielt und kantilenenhaft dargeboten – eine Klammer um zwei Gebete. „Steh mir allzeit bei“ bittet Albrecht Dürer (1471-1528) in seinem „Gebet,“ während Fjodor Dostojevski (1821-1881) in „Darin liegt der ganze Glaube“ schreibt, dass die Liebe der ganzen Schöpfung dem Erfassen von Gottes Geheimnis entspricht. Perfekt anmutende Schöpfung – das spiegelte sich denn auch in den dreisätzigen Fantasien Nr. 6 und Nr. 7 von G. Ph. Telemann (1681-1767) wider: Schwungvoll, zart-schmelzend, heiter mit grandios dargebotenen barock-polyfonen Verzierungen. Dass Musik glücklich macht, bedurfte da eigentlich keiner Ansage. Und doch durften die Zuhörer Glück auskosten bei Auszügen aus Eric-Emmanuel Schmitts (geb. 1960) „Mein Leben mit Mozart.“
Dort heißt es beispielsweise: „Mozart, das bedeutet Lebendigkeit, schnelle Beine, ein pochendes Herz, summende Ohren, Sonnenwärme auf unseren Schultern, das Wunder zu leben.“ Die sich anschließende – zum Dahinschmelzen und dennoch unverkitscht – vorgetragene Improvisation über das Andante aus W. A. Mozarts (1756-1791) Klarinettenkonzert KV 622 war nicht minder beglückend. Bewegend ging es weiter mit einem Text von Albert Einstein (1879-1955). Der Physiker hatte in „Das kosmische Erlebnis der Religion“ formuliert: „Wer sich nicht mehr wundert, der ist seelisch bereits tot.“
Der „lettre d’amour“ von Antal Dorati (1906-1988) ergänzte die Worte melodiös, lockend und kapriolenhaft. Das Gebet „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) vermittelte Trost, die Sarabande von J.S. Bach (1685-1750), BWV 1013, schlug mit ihrer tänzerisch-sehnsuchtsvollen Melodie dazu die Brücke. Im Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt (1607-1676) entsteht vor dem inneren Auge des Zuhörers plakativ das Bild des Gekreuzigten („zum Spott gebunden mit einer Dornenkron“) und macht dem Zuhörenden seine Endlichkeit bewusst: „Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod.“ Der Mensch mit seinem Glauben, mit all seinen Ängsten und Hoffnungen im Mittelpunkt.
„Wer so stirbt, der stirbt wohl,“ endet der Choral in der Matthäuspassion, dessen Melodie sich im Choral „Wie soll ich dich empfangen“ im Weihnachtsoratorium wiederholt. Die Oboe schmückte den Choral in einer variantenreichen Improvisation aus. Der Schlusston in Dur verhieß Hoffnung. Eine nachdenkliche und dennoch beglückende und zuversichtlich stimmende musikalische Andacht. Elisabeth Kirchner