Seeon-Seebruck – „Meine Staffelei steht am See,“ sagt Marita Kastenhuber. Ihre Ausstellung im Seebrucker Rathaus ist überschrieben mit „Fallen lassen in Farbe.“ Eine Ansage, die voll zutrifft. Denn Farbkomposition, Expressivität und Motivwahl – wenngleich oftmals abstrakt – lassen darauf schließen, dass Marita Kastenhuber von der Landschaft am Chiemsee inspiriert wird. Der Blick über den Chiemsee auf die Chiemgauer Alpen ist eines der wenigen Bilder, die das Chiemseepanorama getreu widerspiegeln. Das Werk direkt neben diesem Chiemsee-Bild ist zwar weniger realitätsnah. Und doch meint man eine Landschaft zu sehen. Das Blau am oberen Bildrand deutet den blauen Himmel an, die Bäume sind teilweise noch grün, teilweise schon herbstlich rot-gelb verfärbt. Abstrakt, kontrastreich, farbintensiv – die Werke brauchen keine Namen, M (für Marita) und eine Zahl genügen.
Denn es geht um das, was man in den Bildern sehen will, sagt die Künstlerin. Die Betrachter sollen sich in Farbe fallen lassen. Da ist das großformatige Bild, M 48, eine Komposition mit viel Blau und Grün. Beim ersten Hinsehen sieht man viele breite vertikale Pinselstriche in Blau und Grün. Beim zweiten Hinsehen nimmt man wahr, dass das Grün und Blau aus vielen feinen unterschiedlichen Farbnuancen besteht, in die die Künstlerin feine, horizontale Linien mit schnellem Strich gezogen hat. Im dunkel-grau und schwarz gefärbten Boden sieht man weiße Flecken. Pflanzen im Moor, in denen sich Wolken spiegeln? Oder ist es ein Bachlauf im Moor mit Pflanzenwelt? M 10 ist eine Farbkomposition aus blauen und gelben Farbtönen. Davor erhebt sich mit wenigen schwarzen Pinselstrichen angedeutet ein Dreieck. Ein Haus oder eine Tanne? Unschwer lässt sich leugnen, dass die Künstlerin immer wieder der Landschaft ihre Referenz erweist.
Und doch obliegt es dem Betrachter subjektiv zu urteilen, was er sieht. Jedes Bild wirkt dank seiner Farbintensität lebendig, drückt Emotion, Leidenschaft, Kreativität, Bewegung, Kraft und Lebenslust aus. Seien es Landschaften, Wellen (wie M2) oder Kreise (wie M 32 und M 33). In einem kleinen Zyklus wird es düster – schwarz, grau und weiß in allen Nuancen. Ist das Winter am See? Oder drückt es Gefühlswelten aus? Oder soll das Ouevre Lust auf Farbe wecken? Bei der Vernissage lobte ihr Mentor Christopher Eymann, der u.a. mit Anselm Kiefer zusammengearbeitet hat, Marita Kastenhubers expressiven Stil, Duktus und die Leuchtkraft der Farben. Auf den weißen Wänden des Rathauses strahlen die Farben noch intensiver. Eine Einladung, sich in Farbe fallen zu lassen. Elisabeth Kirchner