Rosenheim – Am Sonntag, 15. April, feiert das Tam Ost die Premiere des Musicals „Sweet Charity“. Elf weitere Vorstellungen folgen im April und Mai.
Die Geschichte basiert auf einem Film von Federico Fellini von 1957. Für die Bühne adaptierte Neil Simon Fellinis „Die Nächte der Cabiria“.
Die Musik schrieb Cy Coleman, die Gesangstexte stammen von Dorothy Fields. Das Amüsiermädchen Charity glaubt ungeachtet der brutalen Realität an die Güte der Menschen und die ewige, reine Liebe. Ihre Freundinnen verdrehen angesichts dieser Naivität die Augen und halten Charity für unbelehrbar. Diese gerät ständig an Männer, die sie nur ausnutzen… Judith Blauth, sie wird die Titelheldin verkörpern, übernimmt die musikalische Einstudierung, Maximilian Neumayer ist für die Choreografie zuständig und Martin Schönacher führt Regie.
Liebe Frau Blauth, lieber Herr Neumayer, Sie sind zusammen mit Martin Schönacher das Regie-Triumvirat (wenn man das so patriarchalisch ausdrücken darf). Gesangs-Coaching, Choreografie und Regie sind zwar getrennte Bereiche, die aber doch eng miteinander zusammen hängen. Wie managen Sie das konkret?
Maximilian Neumayer Das Wichtigste ist Kommunikation. Wir entwickeln natürlich jeder für sich Ideen, die aber dann besprochen und ausgetauscht werden.
Judith Blauth Am Anfang gibt es sehr viele Einzelproben; die jeweiligen Ergebnisse werden aber dann mit den Vorstellungen der Kollegen abgeglichen.
„Sweet Charity“, das Original-Musical basiert auf dem Film von Federico Fellini. Und vom Musical selbst gab’s wieder eine Verfilmung. Haben Sie Ideen von allen drei Vorlagen genommen, oder sich nur auf das Musical selbst konzentriert?
Blauth Vom Fellini-Film ist nichts eingeflossen. Wir haben uns strikt an das Musical selbst gehalten, dabei aber unsere eigenen Vorstellungen und Ideen entwickelt.
Neumayer Ausschlaggebend waren natürlich auch die unterschiedlichen Fähigkeiten der Darstellerinnen und Darsteller; da musste manches aus dem Musical wegbleiben oder choreografisch verändert werden. Der besondere Tanz des Musicals basiert auf Bob Fosse, der einen eigenen Musicaltanzstil entwickelt hat.
Blauth Bob Fosse war die treibende Kraft bei „Sweet Charity“ als Regisseur und Choreograf. Sein Tanzstil prägte die Musicalwelt, was beim bekannteren „Cabaret“ voll zum Tragen kam. Der Fossetanz war auch der Grund für unsere Wahl dieses Stücks.
Der Aufwand ist ja nicht gering: Zehn Darsteller, die auch noch singen können. Woher kommt übrigens die Musik, aus der Konserve?
Blauth Ja, „Sweet Charity“ ist eine Herausforderung. Das Stück ist selbstverständlich für eine zahlreichere Besetzung und eine viel größere Bühne als das Tam Ost ausgelegt. Wir haben uns dann auf zehn Darsteller geeinigt, denn das ist die Anzahl, die wir hier im Haus stellen können. Die einen kommen vom Tanz, vom Gesang oder dem Schauspiel – aber jeder muss ja alles können. Wir glauben, dass das Ensemble nun aus einem Guss ist, aber das war ein langer Weg dahin!
Neumayer Daraus ergab sich dann die Feinabstimmung: Wer spielt in welcher Szene, wer sagt welche Sätze…
Blauth Die Musik erfordert ja eigentlich ein richtiges Orchester. Wir sind dankbar, dass das Theater die professionell eingespielten Orchester-Playbacks eingekauft hat. Die Playbacks wurden zum Teil gestückelt, sodass der Techniker die Musik auf Stichworte starten kann, so wie es ein Live-Musikensemble machen würde. Damit ist der Schauspieler nicht unter Druck, seine Sätze und Einwürfe den starren Aufnahmen anzupassen.
Wie castet eigentlich eine Laienbühne wie das Tam Ost bei einem derartigen Personalaufwand: Freiwillige vor, oder wer zuerst kommt mahlt zuerst?
Neumayer Gecastet wurde nicht, nicht wirklich. Ich habe in meinem Tanz-Studio einen Aufruf gemacht. Videos etc. wurden verschickt – die Leute sollten eine Ahnung von dem bekommen, was sie erwartet.
BlauthDarauf hin haben sich die Interessenten bald „sortiert“; vor allem mussten sie gleich mal vorsingen. Am Schwierigsten war es Männer zu finden, die sich tänzerisch bewegen und auch noch singen können und – wollen! 15 Männer wären eigentlich nötig gewesen, wir haben jetzt immerhin drei. Doch aus der Not konnte eine Tugend gemacht werden, und diese Reduktion kommt sogar der Aussage des Stücks entgegen: Alle Männer, die mit Charity zu tun haben, werden nur von einem einzigen Darsteller gemimt. Das zeigt, dass nicht der Mann an sich ursächlich für Charitys wiederkehrende Enttäuschungen ist, sondern ihre Tendenz, das eigene Lebensglück von einem Lebenspartner abhängig zu machen.
Wie lange dauert es bei einem so opulenten Projekt von der ersten Idee („Das wäre doch was!“) bis zur Aufführung? Türmen sich da manchmal die Probleme? Sind Blockaden zu überwinden?
Blauth Es ist immer zu wenig Zeit! Im letzten Oktober wurde mit den Proben begonnen. Wir haben einen straffen Zeitplan und ein sehr ambitioniertes Ensemble. Präzise Strukturierung, Vorgaben zum Selberüben waren unbedingt nötig. Zunächst gab es nur eine Probe pro Woche, dann mussten wir auf zwei pro Woche umsteigen, sonst wäre es echt schwierig gewesen. Das engagierte Ensemble ist Voraussetzung, jeder bringt noch etwas mit ein, Ideen, Vorschläge.
Frank Magener hat sich zum Beispiel um das vielfältige Bühnenbild zusätzlich gekümmert. Ohne diese Mithilfen wären wir nicht da, wo wir jetzt sind!
Neumayer Natürlich gab es Probleme, auch Blockaden; aber wir fanden mit Hilfe des Teams immer wieder schlüssige Lösungen. Die Vorbereitungsphase ist im Rückblick sicher ein Teil des letztendlich entstandenen Kunstwerks!
„Sweet Charity“ ist ohne Zweifel ein Klassiker; seit der Uraufführung ist ein halbes Jahrhundert vergangen! Hat diese zeitliche Distanz Auswirkungen auf Ihre Sicht des Stoffes, wurde die Story sozusagen „modernisiert“, um sie dem heutigen Publikum möglichst hautnah anzupassen?
Neumayer Die Thematik des Stücks ist zeitunabhängig. Auch die Musik ist sehr zeitlos, wenn auch durch die jazzigen Anklänge nicht von heute. Bewusst wurde kein genauer historischer Zeitpunkt anvisiert. Dass es nicht aktuell stattfindet, kann man auch an den Kostümen sehen.
Blauth Das Berufsfeld von Amüsierdamen, die gegen Bezahlung mit Herren tanzen, ist sicher auch eher in der Vergangenheit anzusiedeln.
Wir sahen keine Notwendigkeit, das Stück bewusst zu modernisieren.
Interview: Walther Prokop