Chieming – „Bavarazzi-Gschichtn“ wollten die beiden Chiemgauer Mundart-Dichter Gustl Lex aus Grabenstätt und Hans Peter Kreuzer aus Stephanskirchen zum ersten Mal gemeinsam den Zuhörern im Heimathaus bieten. Im Laufe des in Dialogform gehaltenen Wechsels aus pointierten Mundart-Geschichten und -Gedichten in Versform wurde von den beiden Lyrikern dann der Bezug der südbairischen Sprachentstehung in Norditalien angesprochen und erläutert. Mit „Funicolì Funiculà“ sorgte die Muasa-Musi gleich für den thematisch gelungenen Auftakt.
Hans Peter Kreuzer (78) schreibt nicht nur bairische Geschichten und Gedichte, er leitete 30 Jahre lang als Rechtsanwalt in Rosenheim eine Kanzlei und verarbeitet seit knapp 20 Jahren unter anderem erlebte Fälle seiner Anwaltstätigkeit in seinen „Lebensgeschichten“. Dazu zählen auch die kuriosen Fälle vom „Anwalt Happinger“, aus deren Sammlung Kreuzer eine ebenso skurrile wie amouröse Anekdote eines italienischen Mandanten mit entsprechender Sprachfärbung vortrug. Kreuzer hat in Montebello Vicentino ein Haus, also inmitten des zimbrischen Sprachraums in der Bergregion zwischen Vicenza und Verona. In dieser Gegend sollen sich ab dem elften Jahrhundert deutsche Siedler aus dem bayerischen Sprachgebiet angesiedelt haben. Entsprechend weisen die zimbrischen Dialekte bis heute deutsche Wörter, Redewendungen und Grammatikeigenheiten auf, erzählte Kreuzer. Gustl Lex schloss daraus, dass der zimbrische Dialekt der bairischen Sprache nahekommt, „wie sie vor tausend Jahren bei uns gesprochen wurde“. Zuvor erinnerte Lex daran, dass Bayern Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Gardasee hinunter reichte. „Bavarazzi-Gschichtn san boarisch mit am Schuss Italienisch drin“, erklärten die beiden Autoren, rückten ihre Hüte zurecht und legten nach der sprachgeschichtlichen Exkursion zwischen Bayern und Italien los mit Oden auf die Heimat. Gustl Lex trug seine innige Verbindung zu „mei`m Cheamsee“ vor, der 1974 wegen „da Liab“ von München nach Stephanskirchen gezogene Hans Peter Kreuzer bedichtete den Simsee und die Stadt Rosenheim. Gustl Lex brachte klar zum Ausdruck, dass sein liebster Urlaubsort die Heimat ist. Inseln wie Mallorca, Ibiza und Hawaii könne er weniger abgewinnen als „unser`m g`schätzten Cheamgauland, da hast zwar net den weißen Strand, doch guate Wirtshäuser grad gnua, a Brotzeit, Bier, die boarisch` Ruah ( . . .) aa Inseln ham ma drin im See, dort Urlaub macha, des is schee, und hat aa gwiß koan größern Haken, höchstens de kloana Chiemseeschnaken“.
Bedichtet und beschrieben wurden Freizeitaktionen wie das Schwammerlsuchen und -finden oder der Umgang mit Haustieren auf dem Bauernhof und im kleinen Privathaushalt. Vom „Kampfschmusa“ bis zur Schildkrötenhaltung wurden die Beziehungsmöglichkeiten zwischen Zwei- und Vierbeinern aufgezeigt. Auch der bayerische Viehhandel, der technische Zeitenwandel, der Zeitgeist, das Älterwerden und die damit möglicherweise einhergehende veränderte Anziehungskraft zum Sexualpartner wurden analysiert und resümiert – stets zum Wohlgefallen der Zuhörer, die mit Szenenapplaus die Sprachbonmots honorierten. Den Rahmen der Dichterlesung bildete die Muasa-Musi mit Toni (Gitarre) und Wasti Wallner sowie Sebastian Leidl (beide Ziach) und Johannes Eckart (Posaune). Die vier Jungmusiker ergänzten mit Stücken wie dem Bogenhorn-Marsch, dem Drei-Schwalben-Boarischen, der Stoariegel-Polka oder dem Perlseer Walzer musikalisch perfekt.
Wer die beiden Mundartdichter Gustl Lex und Hans Peter Kreuzer noch einmal oder erstmals erleben möchte, hat bereits am 12. Mai um 19 Uhr im Schloss Grabenstätt Gelegenheit dazu. Bei der Euregio-Veranstaltung „Boid hinum – boid herum“, lesen Mundartautoren aus Salzburg und Bayern aus ihren Werken vor.
Hubert Steiner wies auf die nächsten Veranstaltungen des Heimatvereins hin. Neben der Teilnahme am Vatertagsfrühschoppen am 13. Mai und dem Bachfest am 20. Mai ist der Heimatverein Gastgeber des Heimat-Erlebnistages am 21. Mai im Heimathaus. Am 18. Juni findet „Aufg`spuit am Chiemsee“ statt. Arno Zandl