„Lieben heißt leben lernen“

von Redaktion

Theater Wasserburg feiert mit Gorkis „Nachtasyl“ vor ausverkauftem Haus Premiere

Wasserburg – Am Schluss sitzen Pepel und Natascha nah beieinander und Pepel fragt: „Siehst du in mir auch nur den Dieb?“ Sie sieht ihn verwundert an. Gibt es Hoffnung, gar Liebe oder heißt „Leben“ nur, „sterben lernen“?

Maxim Gorki ist ein Künstlername und bedeutet „der Bittere“. Kein Wunder, der Autor wird als Kind ausgenutzt und verprügelt, muss sich nach dem frühen Tod seiner Eltern, als Lumpensammler durchschlagen. Ohne Geld nimmt ihn keine Uni an. Er schafft es als Autodidakt und politischer Aktivist zum erfolgreichen Schriftsteller. Sein bekanntestes Stück „Nachtasyl“ von 1901 nennt der Russe dann auch „Szenen aus der Tiefe“. Bei ihm treten 20 Menschen von ganz unten auf.

Zuflucht in
einer Notunterkunft

Alle sind „Am Boden“, wie das Stück ursprünglich hieß, und suchen Zuflucht in einer Notunterkunft. Die Inszenierung von Nik Mayr und Constanze Dürmeier verdichtet den Stoff geschickt in vier Figuren. Die Endstation Sehnsucht verlegen sie an einen in immer dicker werdende Rauchschwaden gehüllten Kiosk. Heute ist so ein Büdchen bei uns der Ort, an dem jeder Mensch, auch ohne eine Reservierung, immer einen Platz findet. Ein Ort, andere zu treffen zum Reden, zum erschwinglichen Trinken, zum Streiten.

Der Wirt Micha Kostylew, souverän dargestellt von Carsten Klemm, lässt sein „Open“-Schild bis zum Schluss leuchten, auch als er schon tot ist. Davor wienert er eifrig den Tresen, bereit, aus der Hoffnungslosigkeit seiner Stammgäste Kapital zu schlagen. Eine Flatrate – Fehlanzeige, genau wie ein Schuldenerlass: „Deine Schuld – ist eben eine Schuld! Die musst du einfach begleichen … Herzensgüte musst du mir altem Manne unentgeltlich erweisen.“ Er macht Würstel warm und kommt mit dem Ausschank von Schnaps kaum hinterher. Denn Kleschtsch, Pepel und Natascha sind hier nicht nur gestrandet, um ihren Durst zu löschen. Der Alkohol soll ihren Frust ertränken, lässt sie besinnungslos auf der Parkbank liegen. Dann wieder spült der Fusel ihr Selbstmitleid, ihre Wut und ihre Sehnsüchte hervor. Kleschtsch, fein verkörpert vom Schauspieler Hilmar Henjes, mit dieser Handbewegung: Er fährt mit dem Kamm durch die zu lang gewordenen Haare, scheitelt sie akkurat. Sein Traum: „Ein neues Leben, ganz von vorn. Ja, das wäre schön. Soll ich’s versuchen? Ja, ich versuch’s.“ Immer wieder hat er seine Frau geschlagen. Dann ist er plötzlich ein einsamer Witwer ohne Job. Ihm bleiben seine Verzweiflung und der Suff. „Du stirbst, dann hast du Ruhe,“ heißt es einmal. Natascha, ideal besetzt mit Annett Segerer, starrt ab und an aufs Handy, ein rettender Anruf bleibt aus. Auch sie ist voller Todessehnsucht: „Im Sommer denkt man gern an den Tod. Da gibt es Gewitter. Jeden Augenblick kann einen der Blitz treffen.“

Der Sinn des Lebens, die eine Wahrheit, wird von allen Protagonisten an diesem Abend über Bord geworfen. Sie stecken in ihren eigenen Lebensgeschichten fest wie in einer Endlosschleife: Und dieses Nebeneinander statt Miteinander lässt das Publikum ebenfalls erstarren, macht die Aufführung aber gleichzeitig so aktuell. Die Figuren verharren auf ihren Plätzen, dem Barhocker, der Bank, wie gefangen in ihrer Blase, ihren Lebenslügen und der eigenen Ausweglosigkeit. „Alle Menschen haben graue Seelen, legen gern ein bisschen Rot auf.“ Ab und an tönen Songs aus dem Lautsprecher des Kiosks, verschaffen dem Ensemble, das 95 Minuten lang durchspielt, eine Verschnaufpause.

Am Ende bittet Natascha Pepel, die Musik lauter zu drehen. Rocko Schamonis Song: „Leben heißt sterben lernen“, bringt sie dazu, sich mit ihrem brennenden Feuerzeug im Takt zu wiegen.

Und Pepel, jungenhaft von Andreas Hagl verkörpert, der sonst gern sein Cap tief ins Gesicht zieht, wagt eine zarte Annäherung. Als die Zeile „Lieben heißt leben lernen“, zu hören ist, sitzen sie wie ein Paar auf dem Dach des Kiosks. Die beiden können noch in eine Zukunft blicken, auch wenn sie nebulös bleibt.

Umtrunk auf
der Bühne

Die Inszenierung entlässt das Premierenpublikum also mit einem Hoffnungsschimmer. Und Regisseur Nik Mayr lädt, als der tosende Applaus verebbt ist, alle zum Umtrunk am Späti auf die Bühne ein: „Weil in Wasserburg noch kein Kiosk 24/7 geöffnet hat.“

Weitere Termine der gelungenen Ausführung sind am 5., 6., 7., 19., 20. und am 21. Mai. Freitags und samstags beginnt die Vorstellung um 20 Uhr, am Sonntag um 19 Uhr.

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