Unentrinnbar gefangen im eigenen Denk- und Sprechkerker

von Redaktion

Manfred Pfisterer rezitiert Texte von Thomas Bernhard bei der Goethe-Gesellschaft Rosenheim

Rosenheim – Dass in der Goethe-Gesellschaft Rosenheim ausgerechnet die Erzählung „Goethe schtirbt“ von Thomas Bernhard angekündigt war, dürfte für manchen Goethe-Freund eine Zumutung gewesen sein. Doch Rezitator Martin Pfisterer beruhigte das Publikum, in- dem er aus dem Band „Goethe schtirbt“ nicht die Titelerzählung, sondern die beiden Prosastücke „Montaigne“ und „Wiedersehen“ vortrug. Pfisterer sprach vor zahlreichen Zuhörern im Künstlerhof am Ludwigsplatz.

In beiden Erzählungen gelang es Pfisterer eindrucksvoll, die Bernhard-Welt lebendig werden zu lassen. Ein Widerstandsstück gegen die Familie ist „Montaigne“, der zweite Prosatext des Erzählbandes. Zur Ausarbeitung seiner berühmten „Essais“ zog sich Montaigne mit seiner Bibliothek in den Wachturm des väterlichen Schlosses zurück. Unter intensiver Selbstbetrachtung trieb er vollkommen isoliert seine Studien. Auch der Ich-Erzähler dieser Geschichte begibt sich in die Isolation. Vor der Familie flüchtet er in den hintersten Winkel eines Turms. Vorher greift er in völliger Finsternis ausgerechnet ein Buch seines geliebten Montaigne aus der Bibliothek. Doch der Versuch, seinen Peinigern zu entkommen, misslingt. Jeder Einzelne bleibt letztendlich unentrinnbar im eigenen Denk- und Sprechkerker gefangen.

Stilistisches Leitmotiv ist die Behauptung und ihre maßlose Übertreibung. In „Montaigne“ ist es der vernichtende Einfluss der Familie auf das Individuum und die vergebliche Flucht vor der Welt in die philosophische Geistesfamilie. Bernhards Übertreibungen las Pfisterer mit wachsender Erregung und Unerbittlichkeit. Der schnelle Wechsel sich oft wiederholender Widersprüchlichkeiten erzeugte einen packenden musikalischen Rhythmus. Ein Höhepunkt Bernhardschen Humors ist die Erzählung „Wiedersehen“. Der Ich-Erzähler nimmt das zufällige Wiedersehen mit einem Jugendfreund zum Anlass, ihn und damit sich selbst an den „Hochgebirgswahnsinn“ der Eltern zu erinnern.

Immer wieder treiben die Eltern die Kinder gegen ihren Willen auf die heimatlichen Berggipfel und in die vermeintliche Ruhe: „Sie zogen sich die grellroten Strümpfe an und setzen sich die grellroten Mützen auf und banden sich Zither und Trompete an ihre Rucksäcke und gingen in die Ruhe. Aber sie fanden sie nicht. Und am Ende, sagte ich, gaben sie mir die Schuld, dass sie sie nicht gefunden haben. Ich sei das Hindernis gewesen, die Urschuld an allem.“ Als Beweis für die Schönheit und Ruhe der heimatlichen Natur zeichnet der Vater unablässig Landschaftsbilder, schreibt Naturgedichte und sammelt Steine. Die behauptete Idylle entlarvt sich im Widerspruch zur Wirklichkeit als leerer Schein. Keimzelle des Selbstbetrugs ist die Familie – ein in Wahrheit durch Verbote, Schuldzuweisungen und Bestrafung geprägter Kindheits-Kerker. Selbst das Verbrennen der Strümpfe und Mützen kann die Erinnerung nicht auslöschen.

Pfisterer präsentierte den gut einstündigen Monolog gestisch und mimisch effektvoll bald in staccatohaft sich steigernder Erregung, bald in einem ernüchternden und resignierten Tonfall. Für seine fesselnde Vortragskunst erhielt der Rezitator vom Publikum anhaltenden Applaus.

Georg Füchtner

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