Seeon – So wie Reden ohne Manuskript länger dauern, so ufern Konzertprogramme, die kurzfristig geändert werden, zeitlich aus – wie beim Abschlusskonzert des 20. Chiemgauer Musikfrühlings im Kloster Seeon. Weil die Pianistin Diana Ketler sich die Schulter gebrochen hatte, musste das ursprüngliche Programm abgeändert werden: Alles kam ganz anders.
Aus einer
Stunde werden
zweieinhalb
Aber das Konzert wurde deswegen nicht etwa kürzer, sondern länger. Dauert eine Matinée üblicherweise gut eine Stunde, wurden jetzt zweieinhalb Stunden daraus, nicht zuletzt auch wegen der häufigen Bühnenumbauten und auch der wortreich-launigen Moderationen. Launig und vor allem humorvoll war aber die Grundstimmung dieser Matinée.
Zehn Tage lang haben Künstler, die von den künstlerischen Leitern des Musikfrühlings, der Pianistin Diana Ketler und dem Bratschisten Razvan Popovici, eingeladen wurden, geprobt und abends musiziert, die Freude daran strahlte allen noch beim Schlusskonzert aus den Augen.
Trotz ihres Schulterbruchs spielte Diana Ketler, wo es ging mit, so auch bei „Italiana“ von Ottorino Respighi, bearbeitet für Klavierquintett, das die Streicher (Elina Vähälä und Cora Stiehler, Violine, Razvan Popovici, Viola, Justus Grimm, Cello) weichfließend spielten und dabei die harmonischen Rückungen behutsam auskosteten. Gut eingebettet in diesen warmen Streicherklang (hier spielte Erik Schumann die zweite Geige) war später die Klarinette von Thorsten Johanns in „Réverie orientale“ von Alexander Glasunov: ein melodisch schweifendes und verträumtes Musikstück im orientalischen Klangkolorit, das im Kopf weite Steppenlandschaften entstehen ließ.
Ein zauberhaft intimes Klavierquintett ist „La ritirata notturna di Madrid“ von Luigi Boccherini, woraus die Musiker den Variationensatz darboten, der den Vorbeimarsch der Madrider Nachtwache mit Trommeln und Trippeln musikalisch imitiert. Dabei konnte Diana Ketler mit ihrer rechten Hand mitspielen.
Den opulenten Orchesterklang von Erich Wolfgang Korngold ahmten einmal ein Streichtrio und ein Klavierquintett nach in einem Suiten-Satz und in „Mariettas Lied“ aus der Oper „Die tote Stadt“. Als „heiter – aber schwer“ charakterisierte Diana Ketler das Cello-Duett Nr. 5 von Jacques Offenbach. Mit herzhaft-kräftigem Strich widmeten sich Julian Arp und Justus Grimm dieser Mischung aus etüdenhaft-virtuosen Passagen und schmelzender Kantabilität bis hin zum stürmischen Finale. Sonor singend und zart phrasierend spielte Justus Grimm dann das „Chanson triste“ von Anton Arensky, begleitet von Diana Ketler, und Justus Arp sang auf seinem Cello ein „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, begleitet von José Gallardo, der zur Unterstützung von Diana Ketler kurzfristig herbeigereist war.
Die Orchester-Suite „Scaramouche“ von Darius Milhaud war eingedampft für Klarinette und Klavier (José Gallardo), von Thorsten Johanns animierend und heiter sprudelnd gespielt, der auch noch ein „charmantes, lustiges und ein bisschen chaotisches“ (so Diana Ketler) Jazz-Stück von Swante Henryson beisteuerte.
Matinée
endet heiter
und dann jazzig
Heiter und dann jazzig endete auch die Matinée zuerst mit Variationen über „Happy Birthday“ von Claus Dieter Ludwig für drei Streicher, von diesen mit großem Vergnügen dargeboten, und schließlich mit dem Charleston von Bohuslav Martinü, der fast alle zu diesem rasanten Rausschmeißer auf der Bühne versammelte, bevor’s zum Empfang draußen im Klosterhof ging.
Der 20. Chiemgauer Musikfrühling ist zu Ende, die Vorfreude auf den 21. Musikfrühling ist groß.