Rosenheim – Die beruflichen Tage von Konrad Heimbeck, Kirchenmusiker in St. Nikolaus, sind gezählt: Am 1. September geht er mit 63 Jahren in den Ruhestand, nach fast 40 Jahren musikalischer Tätigkeit in Rosenheim. Am 16. Juli wird er offiziell im Pfarrgottesdienst um 10.30 Uhr verabschiedet. Zuvor gibt er am Sonntag, 25. Juni, um 19 Uhr sein letztes Konzert, und im Pfarrgottesdienst am 2. Juli erklingt Haydns „Schöpfungsmesse“ – beides mit dem von ihm gegründeten Kammerchor. Im Interview erzählt er, der in Schweinfurt geboren ist, warum und wie er nach Rosenheim gekommen ist, was er für „seine“ Orgel empfindet und mit welchen Gefühlen er zurückblickt. Wir haben uns auf das private „Du“ geeinigt, weil wir uns seit fast 40 Jahren kennen.
Wann und wie kamst Du nach Rosenheim?
Weil ich, nachdem ich beschlossen hatte, nach dem Kirchenmusikstudium in Regensburg am Mozarteum in Salzburg für den A-Abschluss weiterzustudieren, gesucht habe, wo ich als Organist nebenbei Geld verdienen könnte. Auf dem Postamt habe ich das Telefonbuch von Rosenheim genommen und – in konzentrischen Kreisen von Salzburg aus – alle Pfarrämter angerufen. Die Pfarrei St. Quirinus Fürstätt hat gesagt, sie brauchen einen. Am 1. Oktober 1985, zum Patrozinium der Rosenkranzkirche, habe ich angefangen. Meine Zeit in Fürstätt war Gold wert wegen des Netzwerkes, das sich da aufgebaut hat, gerade mit dem damaligen Leiter des Chores, Rolf Hamberger.
Wie waren die Anfänge in St. Quirinus?
Ich war das kirchenmusikalische Faktotum, der „Gottesdienst-Orgler“ für alle Gottesdienste und der Korrepetitor des damals schon berühmten Chorkreises St. Quirinus.
Wie und warum kamst Du dann als Kirchenmusiker an die Nikolauskirche?
Ich hatte gelesen, dass die Stelle zum 1. Januar 1988 ausgeschrieben war – da hat es sich angeboten, es beruflich in Rosenheim zu versuchen. Ich habe noch in Salzburg studiert, eine Prüfung hatte ich schon gemacht, dann habe ich mir drei Professoren gesucht, um die noch anstehenden Prüfungen zeitlich so zu absolvieren, dass ich mich bewerben und im März anfangen konnte.
Hattest Du Mitbewerber?
Möglicherweise – ich weiß, dass ich die Stelle bekommen habe, weil ich anscheinend der bairischste Bewerber war (lächelt). Pfarrer Fredlmeier war damals schon sehr krank, ich hatte bereits einige Aushilfsdienste geleistet – und die Anstellung lief auf sehr kurzen Wegen.
Kannst Du Deine Tätigkeit als Kirchenmusiker beschreiben?
Ich bin der Mensch für alles Musikalische: Gottesdienste spielen, anfangs gab es sonntags noch fünf, von denen ich drei zu spielen hatte, später jeden Werktag (das hab‘ ich mir erkämpft!), sonst bei Requien. Dann gilt es die Chöre zu leiten: Kinderchor, Kirchenchor, Jugendchor und später die Gruppe „Neues geistliches Lied“. Später kam der Kammerchor dazu sowie das Männerdoppelquartett. Dazu Orgelunterricht und eine kleine Lehrtätigkeit im C-Kurs für nebenamtliche Kirchenmusiker. Inzwischen abgenommen hat die Zahl der Gottesdienste, zugenommen hat die Medien-Arbeit: Presseankündigungen für die Gottesdienste und die Orgelsamstage, Online-Verkehr mit der GEMA (die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte). Und ich war in den regelmäßigen Besprechungen des „Seelsorge-Teams“ dabei.
Wann und warum hast Du den Kammerchor Rosenheim gegründet?
Es kamen Sänger auf mich zu, die anspruchsvolle Werke singen wollten. Im März 1991 war das erste Konzert.
Mit dem Kammerchor bist Du in den ganzen Jahren knapp 130-mal aufgetreten. Was bleibt bei Dir am präsentesten in Erinnerung?
Zum Beispiel Haydns „Schöpfung“ oder Bachs „h-Moll-Messe“. Und ein Konzert, in dem wir nur Mess-Teile – von Palestrina, Frank Martin und aus der Berliner Messe von Arvo Pärt – gesungen haben, das war sehr gelungen.
Was wird im letzten Konzert gesungen?
Eins meiner Lieblingsstücke, der Psalm 8 „Herr, unser Herrscher“ von Heinrich Schütz, von Schütz auch „Nun lob mein Seel den Herrn“ sowie die Bach-Motette „Fürchte dich nicht“ – alles mit colla-parte-Instrumenten. Und die Brahms’schen „Fest- und Gedenksprüche“. Am Schluss das „Dona nobis“ aus Bachs h-Moll-Messe.
Ein Herzensanliegen von Dir war ja der Orgelneubau. Du hast ihn begleitet und vorangetrieben.
Ich hatte eine ganz klare Vorstellung einer Orgelbaufirma, nämlich die niederländische Firma Reil – und damit legt man sich fest auf eine Konzeption. Hier waren stilistische Schönheit und Zuverlässigkeit wichtig. Für mich war als Klangideal der niederländische Barockstil Favorit. Reil baut jedes Detail bis aufs Kleinste mit extremem Fachwissen, großer Ernsthaftigkeit, Herzblut und künstlerischer Verantwortung. Einem so großen Instrument Leben einzuhauchen geht nur auf diese Weise.
Was für ein Verhältnis hast Du zu dieser „deiner“ Orgel?
Es ist nicht „meine“ Orgel. Jeder darf darauf spielen, der sie nicht kaputt macht. Diese Orgel belohnt damit, dass sie die Musik belebt. War der regelmäßige Orgeldienst für mich niemals eine Last, so ist mit dieser Orgel das Orgelspiel eine Lust.
Mit welchen Gedanken blickst Du jetzt auf die 40 Jahre als Kirchenmusiker zurück?
Mit viel Dankbarkeit, dass ich so viel Musik machen konnte, vor allem mit den Chören. Dankbarkeit dafür, dass ich in St. Nikolaus musikalisch keine Vorschriften bekommen habe und immer machen konnte, was ich mir vorgenommen hatte, und Dankbarkeit, dass es gelungen ist, diese wunderbare Orgel zu bauen.
Was für Pläne hast Du jetzt im Ruhestand?
Die Ruhe genießen. Meinem Hang, mich in der Natur zu bewegen, mehr nachkommen. Mit Leuten zu tun zu haben, vielleicht irgendwo bei der Nachbarschaftshilfe tätig sein. Interview: RAINER W. JANKA