Kolbermoor – Wäre Gerhard Franke, der Initiator der Kolbermoorer Orgelkonzerte, eine Wette eingegangen, ein Programm zu gestalten ausschließlich mit Komponisten, deren Name auf „i“ endet, er hätte diese Herausforderung eindeutig bestanden: Italien war musikalisch zu Gast, und der Interpret heißt Ennio Cominetti, Organist aus Varenna am Comersee.
Im Gepäck hatte er vier „bedeutende Orgelkomponisten“ verschiedener Epochen: Girolamo Fescobaldi, der knapp 45 Jahre vor Bachs Geburt starb; Andrea Lucchesi, der sogar persönliche Berührung mit Beethoven hatte; Filippo Capocci, der bis 1911 lebte, und schließlich Marco Enrico Bossi, der noch ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts hineinragte.
Man kennt hierzulande zur Genüge die Opern von Verdi oder Puccini. Doch die Orgel scheint halt mehr eine Spezialität für Kenner und Liebhaber zu sein. Von diesen Enthusiasten gibt es immerhin so viele, dass eine halbe Hundertschaft den Weg ins Orgel-Mekka „Wiederkunft Christi“ in Kolbermoor fand.
Ennio Cominetti gab zuvor eine kleine Einführung ins Programm, als Dolmetscher fungierte Gerhard Franke. In Italien seien „aus Bescheidenheit“ kleinere Orgeln gebaut worden, das wirkte sich natürlich auch auf die Kompositionsweise aus.
Beim Altmeister Frescobaldi erklang die „Toccata Quinta“ in hellen, fast etwas aggressiv wirkenden Farben. Ruhende Akkorde wurden durch Triller und Läufe belebt und aufgemischt.
Lucchesis „Sonata in sol maggiore“ präsentierte sich beinahe wie eine Beethovensche Sonatine: Maßvoll vorwärts drängend, mit freundlichen Sequenzen geschmückt und durch angenehme Kadenzen gegliedert, löste dieses kleine Opus nicht nur Ver-, sondern auch Bewunderung aus.
Filippo Capocci griff mit seinem „Scherzo in re maggiore“ in die Vollen. Raffinierte Modulationen und aparte Klangfarben belebten dieses temperamentvolle Werk. Marco Enrico Bossi kam mit zwei gegensätzlichen Piécen zu Wort: zunächst das zarte, in schwingenden Registern pulsierende „Ave Maria“, das wie in Raffaelsches Himmelblau getaucht schien, und schließlich als krönender Abschluss das raumgreifende, aber bescheiden betitelte „Studio Sinfonico“.
Ennio Cominetti ließ da die Katze quasi aus dem Sack, beleuchtete alle Details, ließ die Orgel dröhnen und die Pedalregister toben. Mit furiosem Einsatz von Händen und Füßen, aber in unbeschwerter Grandezza ließ der Organist vergessen, dass er Schwerarbeit leistete.
Den begeisterten Applaus des Publikums quittierte Cominetti mit einer kurzen, melodiös anschmiegsamen Miniatur von – zwar jetzt mit „e“ am Schluss – Ennio Morricone. Walther Prokop