Erl – Musik allein sagt nicht alles, und so waren denn auch Reden und Grußworte integraler Bestandteil des Festprogramms. „Die Kunst ist die Tochter der Freiheit“, zitierte man Schiller. Entsprechend wurde nicht nur rundum gedankt, übrigens auch dem Gründer Gustav Kuhn, der vor 25 Jahren dieses Erler Erfolgsmodell ins Leben gerufen hatte, sondern ebenso waren Klimakrise, das Unwesen machtgieriger Autokraten und die gefährdete Demokratie ausführliche Themen.
Grimmiger Humor
und feine Ironie
Dr. Hans Peter Haselsteiner, der Präsident der Festspiele, der Landeshauptmann Anton Mattle und last but not least Bundespräsident Alexander Van der Bellen sparten nicht mit zuweilen etwas grimmigem Humor oder feiner Ironie und riefen Zwischenbeifall und amüsierte Lacher hervor.
Kunst in Zeiten des Krieges? Ja, sie gebe wirklich den nötigen Lebensmut, meinte der Bundespräsident und eröffnete feierlich die Erler Festspiele.
Das Vorspiel zur Oper „Nabucco“ von Giuseppe Verdi, mit Schmiss, Charme und Ernst von Maestro Erik Nielsen und dem famosen Orchester zelebriert, lässt die Melodie des berühmten Gefangenenchors aufleuchten. Nabucco war ja einer dieser skrupellosen Machtmenschen in scheinbar längst vergangener Zeit.
Auch Richard Wagners „Siegfrieds Tod“ brachte die dunklen Seiten des menschlichen Leben zum Klingen: Musikalisch sozusagen ein germanisches pompes funèbres geht uns diese eindringliche Trauermusik immer wieder unter die Haut. Samtweich intonierten die Bläser und auch bei großen Steigerungen wurde die Klangbalance gewahrt. Die spirituelle Komponente lieferte dann Anton Bruckner mit seinem wunderbaren „Te Deum“. Der Festspielchor konnte vor allem bei leisen Passagen oder kurzen, unbegleiteten Abschnitten mit schwebendem Ton betören. Das Gesangs-Solistenquartett (Monika Buczkowska, Zanda Svede, Gerard Schneider, Antony Robin Schneider) brachte mit machtvollen Stimmen fast weltlichen Opern-Glamour ins geistliche Spiel.
Verdi, Wagner, Bruckner – drei Säulen, die im Bewusstsein des großen Publikums fest verankert sind. Aber Erl wäre nicht Erl, wenn nicht immer wieder auch Außenseiter ins Rampenlicht gerückt würden! Reinhold Glière, trotz französischen Namens sowjetischer „Volkskomponist“, verherrlichte in seiner Konzertouvertüre „The Zaporozhy Cossacks“ die Kosaken, die mit einer List den Angriff eines expansionslüsternen Despoten abwehren konnten. Der lärmende Siegestaumel dehnte sich. Als in der dem Ende zustürzenden Stretta ein effektvoller Schein-Schluss irritierte, da wollte ein Teil der Zuhörer schon in stürmischen Applaus ausbrechen. Aber nein, es ging noch weiter… Bewundernswert allerdings mit welcher Eleganz Erik Nielsen die Fäden in der Hand hielt und mit entspannter Zeichengebung das unglaubliche Getümmel steuerte. Bravo!
Kontrastierend zu Reinhold Glière der englische Gentleman Sir Edward Elgar mit seiner „Introduktion und Allegro“ für Streichorchester und Streichquartett. Das Schumann-Quartett – Erik, Ken und Mark Schumann hatten sich mit dem Bratscher Veit Hertenstein zusammengetan – war quasi das Zünglein an der Waage: Ein reizvolles Spiel mit dem Mischungsverhältnis von Orchester und Kammermusik!
Gelungener Brückenschlag
Mal gingen die Solisten im Tutti auf, dann wieder emanzipierten sie sich und spannen feine Linien, und der Bratscher durfte eine walisische Volksmelodie einbringen, ohne dass das Werk ins Folkloristische geglitten wäre. Ein erregendes Opus, durchaus effektvoll, aber minutiös durchdacht, mit größter Kunstfertigkeit komponiert und doch mit prallem Leben erfüllt.
Dieser „Brückenschlag“ nach der britischen Insel ist bestens gelungen. Da der Chor bei Bruckner schon auf der Bühne stand gab’s als Zugabe noch den Gefangenenchor von Verdi. Damit schloss sich der Kreis, wenn auch mit halbstündiger Verspätung.