Erl – Zum 80. Geburtstag schenkten die Tiroler Festspiele Erl ihrem Sänger-Coach Oskar Hillebrandt eine Sonntags-Matinee – sie hätten ihm ruhig auch ein Orchester dazu spendieren können. Aber die beiden Pianisten Emanuele Lippi und Paolo Trojan vertraten das fehlende Orchester aufs Beste.
Schwungvoller Walzerrhythmus
Leis drohend wuchs „La Valse“ von Maurice Ravel, entfaltete sich rauschhaft und stürzte wieder ab – auch im skelettierten Klang zweier Flügel noch ungemein wirkungsstark. Auch aus dem bedächtigen Beginn der „Tannhäuser“-Ouvertüre entwickelte sich große Emphase, mit ebenso großer Kunstfertigkeit von beiden Pianisten gespielt.
Die wechselten sich dann ab in der Begleitung der Arien und Lieder, markierten einen schwungvollen Walzerrhythmus und umgaben die Sänger mit feinziselierten Klängen oder pompösen Orchester-Imitationen.
Kammersänger Oskar Hillebrandt, der vor 65 Jahren seine ruhmreiche Karriere begonnen und über 180 Rollen seines Faches Bassbariton auf fast allen großen Bühnen der ganzen Welt gesungen hat, hatte drei Sängerkollegen eingeladen. Von diesen Sängern konnte man lernen, wie man eine relativ kurze Arie dramaturgisch schlüssig aufbaut, wie man sorgsam Konsonanten zum Klingen bringt und die Vokale natürlich formt – alles, was Oskar Hillebrandt heute seinen Schülern in seiner jährlichen „Masterclass“ beibringt. Falk Struckmann ist ein Sänger mit des Basses Grundgewalt in mächtigster Form und „ein gefragter Schurke“, wie Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner in seiner kurzweiligen Moderation anmerkte. Sorgsam setzte er Kraft und Emphase ein in der Arie des Fiesco aus Verdis „Simon Boccanegra“, gewaltig orgelnde Urkraft herrschte in Hagens „Hier sitz ich zur Wacht“ aus Wagners „Götterdämmerung“, und immer war es faszinierend zu sehen, wie es ihn körperlich jedes Mal riss, wenn die Arie beginnt.
Gerhard Siegel präsentierte einen mühelos metallen glänzenden Tenor in der „Winterstürme“-Arie des Siegmund aus Wagners „Walküre“ und dann als „Mr. X“ aus der „Zirkusprinzessin“ von Emmerich Kálmán – auch eine Operettenarie verträgt einen Operntenor mit natürlichem Timbre und großer Strahlkraft.
Zauberhaft formte Ildikó Raimondi, die herausragende und sympathische Sopranistin der Wiener Staatsoper, ihre Töne: voll süßer und zarter Empfindung und Textausdeutung sang sie „Morgen“ von Richard Strauss, schelmisch, an Oskar Hillebrandt gewandt, „Heut macht die Welt Sonntag für dich“ aus der Operette „Kaiserwalzer“ von Nico Dostal und traumverloren-innig „Träume“ aus den „Wesendonck-Lieder“ von Richard Wagner.
Und dann der Jubilar: Selig, wer mit 80 Jahren noch so singen kann, mit so viel Stimmkraft, so viel Belcanto-Fluss und so viel Vergegenwärtigung: Wohl hunderte Male hat er Hans Sachsens „Fliedermonolog“ gesungen und doch hörte er sich wie aus dem Moment geboren an, so gedankenfrisch und reflektiert zugleich, so schön sprechend singend und singend redend. Das steigerte sich noch in dem Duett mit Struckmann als Daland aus Wagners „Der fliegende Holländer“: Wie viel Welt- und Liebesverlassenheit lag da in seiner Stimme und wie viel Freude, als Daland ihm seine Tochter versprach! Das ist große Sangeskunst.
Sängerfest
statt Sängerkrieg
Als Landgraf Hermann aus Wagners „Tannhäuser“ hatte Hillebrandt scherzhaft seine Kollegen zum Sängerkrieg aufgerufen, es wurde aber kein Sänger-Krieg, sondern ein Sänger-Fest. Die das Festspielhaus fast füllenden Zuhörer verabschiedeten Oskar Hillebrandt mit liebevollem und lang anhaltendem, stehendem Applaus. Möge er noch recht lange in Erl die jüngeren Sänger zu Sänger-Stars coachen!