A-cappella-Musik wirkt als Antidepressivum

von Redaktion

Beglückendes Debüt des Vokalensembles „Viva Voce“ auf Schloss Amerang – Harmoniegesang und Slapstick

Amerang – „Wenn du nicht weißt, wie dir geschieht, weil du so gar nicht lustig bist. Dann kommt von irgendwo ein Lied, dass ganz und gar akustisch ist.“ „Der A-cappella-Song“, singen Viva Voce im gleichnamigen Titel, „wirkt antidepressiv, er holt dich raus aus jedem Tief“. Als „Glücksbringer“ hat sich das Ansbacher Vokalensemble ausdrücklich die Verbreitung guter Laune auf die Fahnen geschrieben. Mit einer geballten Charme-Offensive eroberten die vier Stimmakrobaten nun das Ameranger Publikum – auch diejenigen, die vielleicht nur ihrer besseren Hälfte zuliebe ins Konzert mitgekommen waren („mitgeschleifte Gatten“).

Die besondere Heilkraft des Genres liegt in seiner Rezeptur: einer Kombination aus pointierten Texten, punktgenauem Harmoniegesang und – wichtig – einer Prise Slapstick. Bei Viva
Voce sind die Rollen klar verteilt. David Lugert ist der Sonnyboy und Herzensfänger. Er berührt mit strahlkräftiger und vielseitiger Stimme, etwa in der Pop-Ballade „You raised me up“, im legendären Folk-Rock-Song „American Pie“ oder im mit Pathos vorgetragenen Schlager „Wurzeln und Flügel“, der vom Erziehen und Loslassen handelt. Bastian Hupfer verkörpert als komischer Gegenpart mit gelbem XL-Pulli und Schirmmütze den sympathischen Clown der Truppe. Ob als Shanty singender und hinkender Pirat („Die Ratten verlassen das singende Schiff“), in der Titanic-Pose („My heart will go on“) oder im dicken Bärenkostüm trotz hochsommerlicher Temperaturen („Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“), ist der extrovertierte Tenor ganz offensichtlich für jeden Spaß zu haben. Ohne Bärenfell, aber mit brummiger Sprechstimme steuert Heiko Benjes seit 2004 die tiefen Töne bei und strahlt dabei die Gelassenheit eines Felses in der Brandung aus („Kristallkugelblues“, „Bis dass man Brot uns schneidet“).

Improvisationstalent bewies der gebürtige Saarländer, als er nach einem kurzen Plausch mit dem Publikum einen irrwitzigen Blues über Mooswiesen und den „Wirth z‘Amerang“ anstimmte. Andreas Kuch, auch vom Alter her der jüngste Neuzugang, komplettiert das Quartett als famoser Beatboxer, der am Mikrofon die Illusion von metallisch scheppernden Schlagbecken kreiert.

Vor 25 Jahren haben sich Viva Voce aus Sängern des renommierten Windsbacher Knabenchors heraus gegründet. Das war 1998. Ein Jahr zuvor hatte der Film „Comedian Harmonists“ die Kinokassen zum Klingen gebracht. A cappella war plötzlich in aller Munde und Vokal-Ensembles schossen wie Schwammerl aus dem Boden.

Mit frischem „Vox-Pop“ und klassischen Boy-Band-Moves fanden Viva Voce bald eine eigene Handschrift und avancierten schließlich zu einem der führenden Vokalensembles des Landes. Bei ihrem Auftritt im Schloss – dem allerersten Gastspiel der Franken im Chiemgau – demonstrierten die Sänger routiniert, dass sie in sämtlichen Stilrichtungen zuhause sind, von geistlicher Musik und Klassik über Pop und Schlager bis hin zu Folk und Rock. Dass dieses Debüt nicht restlos ausverkauft war, verwunderte nicht nur den Schlossherrn. Der Kulturbereich spüre noch immer die Folgen der Pandemie, konstatierte Ortholf von Crailsheim in seiner Begrüßung. „Wir leiden an Post-Covid.“

Über die Auswirkungen von Corona können auch Viva Voce ein Lied singen. Das Album „Glücksbringer“ konnte 2020 nur dank Crowdfunding mit Spendengeldern realisiert werden, nachdem Einnahmen durch Live-Auftritte weggefallen waren. Im gleichen Jahr verließen zwei Mitglieder das vormals fünfköpfige Ensemble. Mit Bariton und Songtexter Andreas Kuch wagten die Musiker einen Neuanfang und reagierten 2021 mit dem Mini-Album „Das Leben geht weiter“ auf das Auf und Ab in Krisenzeiten. Das Lied „Halt mer zam“, das das fränkische Quartett Schulter an Schulter vortrug, ist von jenem Spirit des Zusammenhalts getragen. Angela Pillatzki

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