Rosenheim – Gleich zwei Top-Acts an einem Abend standen auf der Bühne im Ballhaus innerhalb des Landesjazzfestivals zu Ehren von 50 Jahren „Le Pirate“. Die Musikinitiative Rosenheim, kurz „M.I.R.“ komponierten „Mulo Francel and friends“ und den Gitarren-Weltstar Biréli Lagrene auf den selben Termin – tolle Idee!
Die „Vorband“ waren freilich keine anderen als die um den Salzburger Schlagwerker Robert Kainar erweiterten Weltmusikstars Quadro Nuevo, die nun erstmals in der Region das neue Saxofonalbum „The Melody Sax“ von Mulo Francel vorstellten. Der aus Riedering stammende Bandleader hatte 1994 in New York auf einem Flohmarkt ein im Jahr 1923 gebautes Saxofon erstanden – 100 Jahre her und damit doppelt so alt wie der Jazzclub.
Diese Art war wohl seinerzeit ein richtiger Bestseller, denn in „C“ gestimmt erleichterte dies den Quereinstieg von anderen Instrumenten.
Wobei wohl viele Exemplare das Schicksal eines anderen luftbetriebenen Objekts – nämlich das des „Standup-Paddleboards“ teilten und gar nicht mehr benutzt wurden. Mulo Francel hingegen benutzt sein Exemplar zur Freude vieler Fans oft, gerne und virtuos: So erklang zum Konzertauftakt ein intensives „Summertime“, bestens unterstützt von Chris Gall am E-Piano und akzentuiertem Schlagzeug-Drive von Kainar. Riesenapplaus gab es auch für „Bye Bye Blackbird“ von Joe Henderson und „I´ve found a new baby“ (Komp. Spencer Williams) aus dem Jahr 1926. Etwas ganz Besonderes war eine Hommage der Band an Charlie Chaplin und eine Liebesmelodie aus dem Film „Goldrausch“. Arrangiert hatte das Stück der in Rosenheim bestens bekannte und viel zu früh verstorbene Pianist Walter Lang.
Nach einem weiteren Stück mit Nostalgie-Flair („Close your eyes“) wechselte die Band zum typischen Quadro-Nuevo-Sound und ließ zunächst einstmalige fußballerische Großtaten in Brasilien auferstehen, mit Paolo Morellos Stück „7 zu 1“. Chris Gall leitete unkonventionell mit Elektroniksound seine Komposition „Yorke´s Guitar“ ein, welches man unterschiedlich instrumentiert und arrangiert immer wieder neu entdecken kann.
Nach dem tollen Echo auf Teil eins des Konzerts betrat nach der Pause Gitarrenvirtuose Biréli Lagrene die Bühne. In der Region brillierte er mit komplettem Ensemble im November 2010 bei den „Saitensprüngen“, diesmal kam er solo und kredenzte Saitenzauber vom Feinsten. Nach etwas Situationskomik und Feineinstellung von Sitzmöbel und Anlage stieg Lagrene ruhig ein auf seiner halbakustischen Gitarre. Dann Temposteigerung: Mit Slappingtechnik, Seitendämpfung und einem rasanten Wechsel aus Rhythmus- und Melodiespiel zeigte Lagrene, dass er einer Protagonisten der internationalen Gitarrenszene ist.
Die kreative Zusammenarbeit mit Al di Meola, John McLaughlin, Herbie Hancock und vielen weiteren und die individuelle Weiterentwicklung hat ihn längst aus der Schublade „Django Reinhardt“ und „Sinti-Jazz“ befreit, wobei ja auch diese Tradition nach wie vor höchst reizvoll ist.
Lagrene griff dankbar das „Summertime“-Motiv aus Halbzeit eins auf und verblüffte das Publikum nun mit „Fingerstyle“ – Sequenzen, was das Einspielen von Rhythmus mittels Loop-Technik beinhaltet, eine Art „Autopilot“ in der Gitarrenszene. „Ich präpariere nichts, sonst finde ich das langweilig“, konstatierte der humorvolle Saitenkünstler und startete einen brillianten Ausflug in die Klangwelt von Johann Sebastian Bach und quirligen Präludien. Um die Gitarre gegen den E-Bass einzutauschen und mit gehörig Hall und Reverb sowohl rhythmische als auch melodische Akzente zu setzen.
Die Gäste waren ein ums andere Mal enthusiasmiert von Varianz und Virtuosität des Solokünstlers, der sich einige scherzhafte klangliche Einsprengsel erlaubte. Stehende Ovationen! Was viele im Publikum erhofft hatten, nämlich eine Session, fand dann doch nicht mehr statt, denn Lagrene wurde schon am nächsten Nachmittag in Saint Pierre in den Vogesen zum nächsten Auftritt erwartet.
Aber was nicht war, kann ja noch werden – jedenfalls gab es wohl beiderseitig grundsätzliches Interesse, man darf gespannt sein. Andreas Friedrich