Nur die Liebende lebt

von Redaktion

Die Opernfestspiele auf Schloss Amerang enden mit „La Traviata“

Amerang – Die Möbel sind mit weißen Leintüchern bedeckt, Violetta selber ist in ein weißes Totenkleid-ähnliches Gewand gekleidet, ihre Gesellschaft steht bleich geschminkt herum, ohne sich anzusehen oder zu berühren, nur Violetta selber, die liebende Kurtisane, die auf ihren geliebten Alfredo verzichtet hat, agiert lebendig: Die Realität lebt nur in ihrem liebenden Herzen wie in einem Fieberwahn. Schon zu Beginn, als die Ouvertüre erklingt, hat Violetta die weißen Leintücher von den Möbeln getan, als ob sie alles nur in ihrer Erinnerung erleben würde.

Drohender
Kronleuchter

Und der Kronleuchter in dem hohen Bühnenbild von Hendrik Müller hängt fast als Bedrohung über dem Geschehen: Mit Verdis „La Traviata“ endeten die Opernfestspiele auf Schloss Amerang, von Ingo Kolonerics verantwortet und inszeniert. Ein bisschen was von diesem lähmenden Fieberwahn lag auch auf der Aufführung: Die Opernfestspiele waren kräftezehrend. Aber die Handlung rollt zügig ab.

Als Alfredo war eigentlich der kraftstrotzende Tenor Paolo Lardizzone vorgesehen, der schon früher den Alfredo in Amerang gesungen hatte, doch der „musste“ in Verona singen. Der einspringende Juhyuk Kim hat eine für diese Rolle zu kleine Stimme, sein leichter Spieltenor hat die Tendenz zum Flackern. Doch er sang seine Rolle sicher, auch höhensicher. Die Stimme von Selin Dagyaran dagegen ist eigentlich ideal für Violetta: aufstrahlend und volltönend in jeder Lage, koloraturensicher und extrem beweglich. Aber die Höhen attackierte sie nicht siegessicher, sondern schraubte sich oft im Portato hinauf. Mit mehr gesungenen Konsonanten hätte sie mehr Ausdrucksmöglichkeiten. Am besten, wahrhaftesten und damit anrührendsten war sie im letzten Akt, kurz vor ihrem Bühnentod.

Nejat Isik Belen dimmte als Vater Germont seinen Prachtbass zum flehenden Piano, während er Violetta bat, auf Alfredo zu verzichten, wurde dann wieder herrschender, wenn er seinen Sohn bat, nach Hause zurückzukehren. Er bemühte sich, dem Text folgend, um Abwechslung in Stimmfärbung, Dynamik und Ausdruck. Finster blickte der dunkel geschminkte Baron Douphol (Duhan Ferkan), genauso finster wie seine Stimme. Das kleine 15-köpfige Orchester spielte direkt vor den Zuhörern, die damit viel von dem mitbekamen, was Verdi dem Orchester verliehen, ja geschenkt hat: Ätherisch dahinschmelzend sanken in der Ouvertüre die Geigenklänge herunter, mit diesem melodischen Abfall schon die Tragödie zeichnend. Süße, fiebrige Erregung, ja Hitzigkeit kennzeichneten die nur scheinbar begleitenden musikalischen Figuren – auch wenn das Cello nicht immer die rhythmische Präzision hatte, die der Dirigent Patrick David Murray von ihm forderte.

Nähe zum
Geschehen

Die Nähe der Zuschauer zum Geschehen ist es, was die Opern im Arkaden-Schlosshof von Amerang so reizvoll macht. Jede mimische Veränderung, jede Handbewegung ist sichtbar, jeder stimmliche Aufschwung, jedes kleine Crescendo in der Stimme und jede kleine Stimmfärbung der Vokale ist hörbar – dies ist aber auch eine fordernde Aufgabe für die Sänger, dies genau abgestimmt sicht- und hörbar zu machen. Man kann sich jetzt schon freuen, all dies bei den Opern im nächsten Jahr zu erleben.

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