Die Entdeckung der Langsamkeit

von Redaktion

Günther Sigl und Band geben sich auf Schloss Amerang die Ehre

Amerang – „Grias eich, guad schauts aus!“ Günther Sigl zeigt sich angesichts des ausgelasteten Arkaden-Innenhofs hocherfreut. Der angekündigte musikalische Streifzug durch seine Vita beginnt in der Schulzeit mit „Schuitog“ (Auf geht’s: Rock’n’Roll). Das bayerische Cover der Rock-’n’-Roll-Hymne „School Day“ (Ring! Ring! Goes The Bell) verweist gleich zu Anfang auf eines der Vorbilder des 1947 in Schongau geborenen Sängers, den legendären Chuck Berry. Mit „Zwoa Zigaretten“ (auf der Schuitoiletten) folgt ein weiterer Hit aus dem Album „Dolce Vita“, mit dem Sigls Spider Murphy Gang 1981 der Durchbruch gelang.

Nicht der
Älteste im Raum

Das Publikum geht mit, vereinzelt wird im Takt geklatscht, was der 76-Jährige, der beileibe nicht der Älteste im Raum ist, mit einem Jauchzer quittiert. „Ihr seids ja wuid heit,“ freut er sich. „Klatscht nur, alles muss raus!“ – für eine „junge Band“ sei Ermunterung wichtig, leitet er zum Soloalbum „Habe die Ehre“ über.

Jung ist die Band selbst im übertragenen Sinne nicht mehr.

Bereits 2010 haben Günther Sigl (Gitarre, Gesang), Willie Duncan (Gitarre, Lap Steel, Mandoline, Gesang), Dieter Radig (Percussion, Gesang) und Wolfgang Götz (Keyboard, Akkordeon, Gesang) die CD aufgenommen. Schlagzeuger Robert Gorzawsky ergänzt – und verjüngt – die Band seit 2015.

Solo, also ohne Barny Murphy, lässt Sigl es ruhiger angehen. Er nimmt in seinen Songs musikalische Anleihen bei Western Swing, Boogie-Woogie, Chanson und den alten Schlagern. Wenn er über Lieblingsorte („Unter’m Flauchersteg“), Lieblingsitaliener („Bella Italia“) oder Lieblingsdesserts („Tiramisu“) singt, dann lädt der Münchner in seinen privaten Kosmos ein.

Anders als bei den zeitlosen Evergreens „Sommer in der Stadt“, „Wer wird denn woana“ oder „Schickeria“ (den Götz, Gorzawsky und Duncan für rasante Soli nutzen), ist das Haltbarkeitsdatum für manche der neuen Songs bereits abgelaufen. „Supergirl“ (über Angela Merkel), „Papa Ratzi“ oder „Applaus für Küblböck“ tauchen im Programm nicht mehr auf. Die Zeit hat sie überholt. Gleiches hätte man sich für das derbe „Marlene“ (Mach dich mal locker und zieh dich aus) gewünscht.

Natürlich ist die Zeit auch an Günther Sigl nicht spurlos vorbeigegangen. Das graue Haar ist schütter, die Handgriffe sind bedächtig, wenn er die Saiten der Rhythmusgitarre stimmt. Aber der Musiker macht sich einen Spaß daraus und zelebriert die Langsamkeit. Einmal sucht er mit fragendem Blick den Boden ab – er habe den Faden verloren. Sigl nimmt sich selbst aufs Korn, aber als alter Hase im Showgeschäft agiert er jederzeit routiniert.

Im Duett mit Schulfreund Dieter Radig galoppiert er textsicher durch den zungenbrecherischen Werbeschlager „Fifi, die Waschmaschine“, eine Perle aus den 1950er-Jahren, die als einer der Höhepunkte im Programm mit viel Applaus honoriert wird. Old School Songwriting ist Sigl 2019 mit „Glory Days of Rock’n’Roll“, einer melancholischen Hymne auf die gute alte Schwabinger Zeit, gelungen.

Mit der Gitarre um den Hals steht Günther Sigl etwas statisch zwischen den Bandkollegen, verändert seine Position höchstens graduell. Zu „Radio, Radio“ schraubt er sich twistend abwärts, um von Willie Duncan mit einem beherzten Griff am Kragen gleich wieder nach oben gehievt zu werden.

Doch Sigl bewegt. Er bringt das gesammelte Publikum trotz Bestuhlung dazu, die Hüften nach seinem Vorbild kreisen zu lassen.

Kreisende Hüften
zum Allzeit-Hit

Der letzte Höhepunkt kommt mit der Zugabe. Die meisten Menschen verbinden mit Günther Sigl die Spider Murphy Gang und mit dieser den „Skandal im Sperrbezirk“. Wochenlang führte „die Rosi“ 1981 die deutschen Charts an. Sigl skandiert den Song sitzend an der Ukulele. Ein Fest.

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