Rosenheim – In der Nachkriegszeit, besonders aber in den späten 1950er-Jahren, begann eine neue Volkstanzpflege, die besonders mit dem Chiemgau und dem Rosenheimer Land verbunden war. Die Galionsfigur dieser Volkstanzpflege war Georg von Kaufmann, dessen Familie zuletzt in Giebing bei Hittenkirchen lebte. Er war besonders daran interessiert, durch einige überlieferte Figurentänze wie zum Beispiel Hiatamadl, Bauernmadl, Kreuzpolka, Masianer, Sautanz, eingebettet in Tanzfolgen mit Polka, Walzer und Boarischen, die Leute auf dem Land und den Dörfern für die alten regionalen Tanzformen zu interessieren. Und es ist ihm gelungen, Tausende junger und älterer Tanzfreunde zu motivieren – mit einer Mischung aus Überlieferung und neuen Tänzen wie zum Beispiel der Sternpolka oder dem Webertanz („Woaf“).
Ganz wichtig war dem „Kaufmann Schorsch“ die richtige Balance zwischen den bekannten Rundtänzen und den „Volkstänzen“, wie die einfachen Figurentänze auch genannt wurden. Der Volkstanzabend sollte ausgewogen sein, keine Überforderung mit zu viel Figuren für die „normalen“ Tänzer – aber auch nicht nur die üblichen Grundtänze: „Die Volkstänze sind das Salz in der Suppe“ – war ein beliebter Ausspruch, der die Situation und die Wünsche der Tanzpaare am besten beschreibt.
Noch bis zum 28. September ist die im Frühjahr in Schloss Hartmannsberg aufgebaute Ausstellung „Georg von Kaufmann und die Volkstanzpflege in den 1960er- und 1970er-Jahren im Rosenheimer Land“ im Foyer des Landratsamts Rosenheim (Wittelsbacherstraße 53) anzuschauen. Sie kann zu den Öffnungszeiten der Behörde (Montag bis Freitag 8.30 Uhr bis 12 Uhr und Donnerstag 14 bis 17 Uhr) besichtigt werden. Führungen für spezielle Gruppen vereinbaren Interessierte bitte mit der Kreisvolksmusikpflege Rosenheim per E-Mail an ernst.schusser@heimatpfleger.bayern oder unter Telefon 08062/8078307. Neben der Darstellung des Lebens und Wirkens von Georg von Kaufmann (1907 bis 1972) als Forstmeister, Sportler, Bergsteiger, Volksmusikfreund, Sammler und Volkstanzpfleger geht es um die vielfältige Volkstanzpflege im Rosenheimer Land: In der Ausstellung und bei den Führungen fällt der Blick zum Beispiel auf Exponate und Angaben aus Flintsbach (Volkstanzhoagascht 1958, Familie Wieland), Frasdorf (Tanzlmusi, Familie Osterhammer), Rosenheim (Bildungswerk, Tanzkapellenwettstreit 1966, alter Hofbräusaal, Volkstanzkreis), Ostermünchen (Drahpolka, Fritz Huber, Tanzlieder), Feldolling (Mazurka), Wasserburg (Volkstanzgruppe 1958, Fam. Arzberger), Bad Aibling (Tanzfeste im Kurhaus), Au bei Bad Aibling (Tanzlmusi, Familien Riedl und Mair), Hittenkirchen (Jakob Irrgang), Riedering (Annette Thoma) und viele andere. Natürlich finden sich in der Ausstellung auch Hinweise zu Kiem Pauli, Wastl Fanderl, Kurt Huber, der Rolle der Trachtenvereine und des Rundfunks, der Druckerei Hasinger – ebenso Materialien zu Sigi Ramstötter und der Teisendorfer Tanzlmusi, Pepi Prochazka und der Fischbachauer Tanzlmusi, Hans Wagner und der Rosenheimer Tanzlmusi oder der Inntaler Klarinettenmusik.
Am kommenden Donnerstag bietet die Kreisvolksmusikpflege Rosenheim eine öffentliche Mittagsführung durch die Ausstellung an: Um 11.30 Uhr treffen sich die Teilnehmer im Foyer vom Landratsamt. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.ernst schusser