Erl – Erst 22 Jahre alt ist der aus Wien stammende Pianist Lukas Sternath und hat doch schon einige Preise gewonnen, unter anderem hat er letztes Jahr beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München alle Preise abgeräumt, die es zu gewinnen gab. Er hätte schon im Frühjahr in Erl bei den Klaviertagen debütieren sollen, musste aber krankheitshalber absagen. Jetzt eröffnete er mit einem eminent schwierigen Programm die Erntedank-Konzerte der Tiroler Festspiele Erl.
Volle Konzentration auf die Musik
Frack- und zwanglos betrat Lukas Sternath die Bühne, in ein schlichtes blaues hochgeschlossenes Hemd gekleidet: Die ganze Konzentration galt der Musik. Bewundernswert ist, dass dieser so junge Pianist für jedes der vier Klavierwerke eine eigene Vorstellung hat, es sich so zu eigen macht.
Entschlossen, aber sehr kontrolliert, begann er die C-Dur-Fantasie op. 17 von Robert Schumann – vielleicht etwas zu kontrolliert, zu wenig entfesselt, zu wenig schweifend. In die langsamen und genau ausgehorchten Akkorde, auch die mit den unaufgelösten Vorhalten, legte er alle zehrende Sehnsucht (und ließ sich dabei auch nicht von einem klingelnden Handy aus der Konzentration bringen). Den zweiten Satz mit dem ritterlichen Marschrhythmus und der rauschenden Schluss-Stretta machte er fast zum Zentrum dieser Fantasie. Die Dauertriolen des dritten Satzes wirkten wie ein Dauermurmeln eines Baches mit sich spiegelnden Sonnenstrahlen darauf: ein wunderschönes träumerisches Bild. Doch verlor sich Sternath nicht ins Träumen, sondern träumte in voller Klarheit.
Nicht einfach virtuos auftrumpfend, obwohl Sternath alle Virtuosität der Welt beherrscht, sondern bewusst kontrolliert kam auch die Wanderer-Fantasie von Franz Schubert. Hier suchte Sternath eher nach der irrenden Verzweiflung des das Glück suchenden Wanderers, nach dem scheinbaren Glückstaumel, nach dem hämmernden Schmerz: All dies lag in den wie ein Irrlicht glitzernden Läufen, den jagenden Akkordballungen und trügerischen Trost-Melodien bis hin zum wild-furiosen Finale, als wollte er den Schlusssatz des titelgebenden Schubert-Liedes „Der Wanderer“ illustrieren: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“
Ohne Zwischenpausen spielte Lukas Sternath die sechs Klavierstücke op. 118 von Johannes Brahms: eine Übung in Konzentration. Kantabel schlicht und ohne schluchzende Nachdrücklichkeit erklangen die langsameren Stücke in lyrischem Fluss ohne Sentimentalität, alles kostbar geformt, klar strukturiert und mit sorgfältig ausgesuchtem Pedalgebrauch in ein auratisches Licht getaucht. Zauberhaft zärtlich-licht war die F-Dur-Romanze.
Obwohl die Klaviersonate Nr. 7 von Sergei Prokofjew nur knapp 50 Jahre später als die Brahms-Stücke komponiert ist, könnte der Kontrast nicht größer sein: Ein nervös-motorischer Brutalismus herrscht hier. Doch Sternath stellte nicht so sehr den Brutalismus, sondern – in klarem Klassizismus – eher die treibende Motorik heraus, die dadurch als formgebend erkannt wird. Selbst im perkussiven Stampfen und drohendem Bassgedröhne sucht Sternath eher das Spielerische.
Infernalischer Rhythmus
Im zweiten Satz, dem „Andante caloroso“, zu übersetzen etwa mit „warmherzig“, hob der Pianist des Synkopen-Gewoge und am Schluss den insistierenden Halbtonschritt hervor – bis im Schlusssatz, dem „Precipitato“, übersetzt etwa mit „überstürzt“, wieder der infernalische Rhythmus hereinbrach. Doch auch hier nahm Lukas Sternath diese Rhythmik bei allem metallenen Hämmern eher spielerisch, sodass sie fast zur Melodik mutierte.
Den großen Applaus-Jubelsturm des den Saal nicht ganz füllenden Publikums beantwortete Sternath mit Brahms, nämlich dem einfach schön singenden Es-Dur-Intermezzo aus Opus 117. Lukas Sternath studiert bei Igor Levit: Deutet sich da schon eine Nachfolge an?