Sehr häufig drangen die Größe und die Lage einer Ortschaft in ihre Benennung ein: Groß- und Kleinkarolinenfeld, Ober- und Unterreit, Ober- und Niederaudorf und viele mehr! Dabei spielte auch die Himmelsrichtung eine wichtige Rolle, um die Lage einer Örtlichkeit präzise genug anzugeben. Dabei kam es immer wieder zu den beiden gut unterscheidbaren Gegensätzen: Nord gegen Süd und, ganz besonders häufig, West gegen Ost.
In unserer Region finden sich unter anderen die folgenden Ortsnamenpaarungen: Im Bereich der Marktgemeinde Prien stehen sich Westernach und Osternach gegenüber, die Gemeinde Bernau wartet mit den Weilern Westerham und Osterham auf.
Ohne einen direkten Widerpart gibt es zudem viele weitere Westerham-Ortschaften, so bei Feldkirchen und Bad Aibling, außerdem existiert ein Osterkam bei Rohrdorf und die Gemeinde Eiselfing hat ein Osterfing.
Aber halt! Da tut sich schon eine sprachliche Falle auf: Es ist nicht etwa das christliche Osterfest, das in einem der genannten Namen steckt, sondern ein Personenname! Es geht um Osterfing: Dieses ist als „Otolfing“ belegt und als ing-Ort vom Personennamen „Otolf“ her erklärbar. Die anderen oben genannten Ortsnamen haben aber tatsächlich die altbairischen Himmelsrichtungsangaben „westar“ = westlich und „ostar“ = östlich im Namen.
Aber Obacht im Falle von Ostermünchen: Das Pfarrdorf in der Gemeinde Tuntenhausen hat erst nach der ersten Nennung der späteren Landeshauptstadt München im Jahre 1158 als „apud Munichen“ (bei den Mönchen) den Zusatz „ostar“ erhalten, nämlich 1206 – 1217 als „Osternmu/e/nichen“; zuvor hieß der Ort „ad monachos“ (zu/bei den Mönchen), „Munihha“, „Munichen“ und „Mo/e/nichen“. Der Zusatz „ostar“ gab hier einerseits die östliche Lage zum Kloster Tegernsee an, andererseits differenziert er den Ort von dem nördlich gelegenen München.
Aber inwieweit wurde die Opposition Nord versus Süd im Ortsnamen verwendet? Fehlanzeige für unsere Region? Des Rätsels Lösung bietet ein Blick auf den bairischen Wortschatz, und zwar speziell den in der Marktgemeinde Bruckmühl üblichen! Hier gibt es beispielsweise das Dorf Noderwiechs.
Aus der Zulassungsarbeit von 2005 des Studenten Matthias Beer entnehmen wir hier die folgende Namensentwicklung: 828 „ad Uuihse“, 1231/34 „Norderwihse“, 1537 „zu Noderwiechs“. Das Bairische verlor beim ursprünglichen „nordar“ (= nördlich) das erste r, woraus ein „nodar“, „noder“, gesprochen als „nouda“, entstand. „Noudawiax“ also. Und passenderweise ist seit 1231/34 unweit von Noderwiechs in südlicher Lage ein „Svnderwihse“, nach 1343 „Sunderwiechse“, überliefert, das 1832 noch als „Sonderwiechs“, heutzutage als „Sonnenwiechs“ geschrieben, aber teils als „Sunawiax“, teils als „Sonawiax“ artikuliert wird.
Während „no(r)dar“ sich in unserer Region rar gemacht hat, haben wir eine Vielzahl von „Sonnen“-Orten, die sich allesamt von „sundar“ (= südlich), nicht von der „Sonne“ herleiten:
Beispielsweise Sonnendorf bei Halfing, Sonnenham („Sunaham“) in der Gemeinde Bad Feilnbach und Sonnenholz jeweils bei Raubling und Stephanskirchen.
Immer wieder zu empfehlen, ein Blick in die bairische Sprachgeschichte!
Armin Höfer