Traunstein – Seit über zehn Jahren versammelt der Künstler und Landschaftsarchitekt Helmut Mühlbacher in seiner Kunstsprechstunde Kunstschaffende aller Gattungen in seinem Werkstatt-Atelier. Besonders reizvoll ist dabei, das Werk, die Technik und das Denken eines Künstlers im Detail kennenzulernen und darüber zu diskutieren. Nur die Fotografie kam bisher in der auch überregional viel beachteten Veranstaltungsreihe so gut wie nicht vor.
Fotograf, Herausgeber und Lehrer
Mit der Vorstellung von Kurt Kaindl hat Mühlbacher diese Lücke nun sehr prominent geschlossen. Der Salzburger Fotograf war 1981 Mitbegründer der Galerie Fotohof in der Mozartstadt. Neben seiner Arbeit als selbstständiger Fotograf ist Kaindl Herausgeber der „Edition Fotohof“, einer Bildbandreihe zur künstlerischen Fotografie, sowie Publizist von Monografien und Kurator von Ausstellungen über Fotografen. Dazu hatte er Lehraufträge zur Geschichte und Theorie der Pressefotografie an den Universitäten Salzburg, München, Bamberg und der „Georgia State University“ in Atlanta und unterrichtete an Fachhochschulen.
Wie Kaindl in der Kunstsprechstunde herausstellte, war die Gründung der Galerie Fotohof in Salzburg ein Meilenstein. Stellte das Gemeinschaftsprojekt verschiedener Fotografen doch dem Publikum seinerzeit erstmals die Bandbreite der Lichtbildkunst in Ausstellungen vor. Inzwischen genießt der Fotohof als Bildungsstätte für Workshops und Studien mit umfassendem Archiv und eigener Bibliothek samt Galerie ein erstklassiges Renommee. Das machte nicht zuletzt die Verleihung des „Internationalen Preises für Kunst und Kultur 2020“ des Salzburger Kulturfonds deutlich. Nicht weniger als 260 Bildbände hat der Verein Fotohof in den vergangenen 40 Jahren herausgegeben.
Bedeutende Verdienste hat sich der Fotohof aber auch durch die Sammlung und zum Teil Restaurierung historisch interessanter Werknachlässe erworben. So erfuhr etwa das Werk der in Wien geborenen britischen Exilfotografin Edith Tudor-Hart eine neue Aufarbeitung. Als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955 wies sie auf gesellschaftliche Missstände hin und behandelte zentrale Themen wie Armut, Integration, Frauenrechte und die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse.
Zudem zeugt ihr Werk von avantgardistischen Elementen des neuen Sehens und thematisiert progressive Erziehungsmethoden, modernistische Architektur und den modernen Tanz.
Kaindl stellte heraus, dass inzwischen britische Museen im Fotohof für Leihgaben anfragen, nachdem dieser dort Bestände aufgekauft hat, die jahrzehntelang unbeachtet im Archiv schlummerten. Auch das Werk der mit dem Schriftsteller Arthur Miller verheirateten Magnum-Fotografin Inge Morath erfuhr durch Ausstellungen und Publikationen des Fotohofs eine große Aufwertung.
Kaindl hatte jedoch nicht nur eine Präsentation über die von ihm mitbegründete Kulturinstitution mitgebracht. Großformatige Schwarz-Weiß-Abzüge an den Wänden stimmten die Besucher auf das vielschichtige Werk des Salzburger Fotografen ein. Wie er berichtete, wollte er ursprünglich Journalist werden. Durch Kooperationen gelang es ihm, Fotokurse für US-Studenten, die in den 1980er- Jahren in Schloss Leopoldskron angeboten wurden, zu besuchen. „Die waren stark an der Praxis ausgerichtet, es wurde viel fotografiert und hinterher über die Bilder geredet.“
Regionale Bräuche und bedrohte Völker
Der 70-Jährige gab auch Einblick in die fotografische Poetik regionaler Bräuche wie bei der Serie „Abfischen“ oder in sein 2008 begonnenes Langzeitprojekt „Reisen ins Niemandsland“, in dem er die Entwicklungen der Regionen am ehemals „Eisernen Vorhang“ dokumentiert. Spannende Impressionen vermittelten auch die Ergebnisse seiner Reisen mit dem Schriftsteller Karl-Markus Gauß. Für die Buchprojekte „Der unbekannte Europäer“ oder „Der Rand der Mitte“ besuchten beide zahlreiche existenziell bedrohte Volksgruppen in Europa. Die Fotografien wurden unter anderem in Dresden, Washington, Wien, Bukarest und Hongkong ausgestellt. In der Diskussion beleuchtete Kaindl Fragen nach dem Technikwandel in der Fotografie, der Buchpublikation oder zum Werkarchiv des Fotohofs.