Die „kreative, dekadente und frivole Zeit“ der 1920er-Jahre

von Redaktion

Auf Herrenchiemsee begeisterte das Duo Ammon & Runge zum Auftakt der Inselkonzerte

Herrenchiemsee – Um die „goldenen“ 1920er-Jahre, die gar nicht so golden waren, drehte sich ein mitreißendes Konzert des Duos Runge & Ammon im ausverkauften Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstiftes im alten Schloss auf der Herreninsel. Gemeint sind der Cellist Eckart Runge, Mitbegründer des weltbekannten Artemis-Quartetts, und sein Duopartner, der Pianist Jacques Ammon, unter anderem Professor an der Leipziger Musikhochschule.

Runge selbst führte durch das bunte Programm, von dem nur ein kleiner Teil im Programmheft zu finden war. Beide präsentierten ihr neues Programm „Opium“, das anhand ganz verschiedener Musikstücke die Zeit der 1920er-Jahre vorführte – eine Zeit des Aufbruchs und Aufruhrs.

Das Konzert war der Auftakt der diesjährigen Saison der Inselkonzerte auf Herrenchiemsee. Ambivalent wie die beschriebene Zeit, so waren die ausgewählten Stücke. Es begann fetzig mit dem berühmten „Ein Amerikaner in Paris“ von George Gershwin, arrangiert von Runge & Ammon. Ursprünglich als symphonisches Werk geschrieben, baute Gershwin auch Autohupen in sein Stück ein. Es folgten eine Paraphrase aus Kurt Weills Musik zu Bert Brechts 1928 uraufgeführter „Dreigroschenoper“ und „Youkali“, ein Tango Habanera aus Weills Oper „Maria Galante“ – laut Runge „die heimliche Hymne der französischen Resistance“. Schon nach den ersten Klängen im historischen Saal begeisterte die Zuhörer das virtuose Spiel der beiden Musiker. Dazu kam der einzigartige Klang des Violoncellos von Eckart Runge, der ein seltenes Instrument aus dem Jahr 1595 aus der Werkstatt der Brüder Hieronymus und Antonio Amati aus Cremona spielt – eine Leihgabe des Merifo String Instrument Trust, Wien. Die unglaublich weichen, singenden Klänge korrespondierten ideal mit denen des Steinway-Flügels.

Claude Debussys wunderschöne Sonate d-Moll für Violoncello und Klavier ist eine Liebeserklärung an seine letzte Frau Emma, bei der das Hauptmotiv aus C D E D besteht, jeweils den Anfangsbuchstaben beider Namen. Die Moderation von Eckart Runge war zu jedem Stück prall gefüllt mit Informationen und unterhaltsamen Anekdoten.

Nach der Pause ging das Programm weiter mit dem Lied „Versuchung“ von Erich Wolfgang Korngold und „Capriccio“ von Paul Hindemith, danach besinnlich-düster Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Inspiriert vom sich verbreitenden Jazz der 1920er-Jahre war dann der „Blues“ aus der Sonate für Violine und Klavier Nr. 2, Piece en forme de Habanera, von Maurice Ravel – eine durchwegs virtuose, feinfühlige Interpretation.

Nach lange anhaltendem Applaus spielten die beiden als Zugabe eine Burlesque des russisch/ukrainischen Komponisten und Pianisten Nikolai Kapustin. Das nächste Inselkonzert ist ein Klaviernachmittag mit William Youn.Christiane Giesen

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