„Ich taumle so dahin – das Leben rauscht über mich hinweg“

von Redaktion

Wasserburger Theatertage Johannes Walter zeigt ein tragisch-komisches Tanztheatersolo

Wasserburg – Der weiß gekleidete Mensch beziehungsweise Mann ordnet zunächst sorgfältig den Fliederstrauch in der Vase, dann putzt zu den Klängen des 5. Ungarischen Marsches von Johannes Brahms sein kleines, von weißen Gardinen umgrenztes und extrem aufgeräumtes Zimmergeviert. Fast möchte man die Regie dafür hassen, dass diese schöne Musik so enervierend benutzt wird: Zuerst dient sie nur als häusliche Dauermusik, als Putzbegleitmusik, später aber reißt sie an des Mannes Gliedmaßen, lässt sie unkontrolliert zucken, schüttelt den Körper des Mannes in manischer Bewegung: Seine Ruhe, seine private häusliche Idylle samt Fliederstrauß ist gestört. Das Spiel.Werk.Ansbach eröffnete die 18. Wasserburger Theatertage („ENDLICH ACHTZEHN“ steht auf der Bühnenrückwand) mit einem „tragisch-komischen Tanztheatersolo“, wie das Programmheft vermeldet. Konzept und Regie verantwortet die Theaterleiterin Daniela Aue, die Choreografie Johannes Walter, der auch der einsame Tänzer ist.

„Kopf im Sand“ heißt das Stück. Thematisiert wird die uralte Frage: Kann man privat glücklich vor sich hinleben, wenn draußen die Welt chaotisch tobt? Kann man privat sich wohlfühlen, wenn man, wie hier der einsame Tänzer, in der Zeitung liest, dass zwölf Flüchtlinge auf dem Meer ertrunken sind? Noch bedeutungsschwerer formuliert: Gibt es, nach Theodor W. Adorno, ein richtiges Leben im falschen? Das Tanztheaterstück buchstabiert dieses Problem tänzerisch durch.

Wenn der Tänzer sich in seinem winzigen Zimmer bewegt, ist er räumlich beengt, krümmt sich, muss, um Zeitung lesend seinen Kaffee zu trinken, seine Gliedmaßen unter der Tischfläche kompliziert um die Tischbeine schlingen. Immer wieder versucht er vergeblich, die Gaze-Vorhänge um sich ganz zu schließen: Er versucht, die Welt draußen zu halten. Trotzdem behauptet er, in dem Gefängnis seiner Schein-Idylle frei zu sein: „Ich mach jetzt die Augen zu – und alles wird gut!“ Doch erkennt er später: „Ich taumle so dahin – das Leben rauscht über mich hinweg.“ Deswegen sind seine Tanzbewegungen in seinem Zimmer so unkontrolliert taumelig. Und noch später sagt er: „Ich lebe gedankenlos dahin.“ Schließlich fragt er sich am Ende: „Ein kleiner Traum in einem kleinen Leben – reicht mir das?“

Sein Tanz gibt die Antwort: Wenn er sein Gehäuse verlässt, sich gleichsam in die chaotische Welt begibt, werden seine Tanzbewegungen viel beweglicher, welliger, flüssiger, gelöster und natürlicher, fühlen sich „richtig“ an. Sein kunstvoller Breakdance zeigt das am sinnfälligsten. Das heißt: Wenn er mit den Flüchtlingen mitfühlt, wenn er Empathie hat mit dem Leiden in der Welt, wird er menschlicher. Am deutlichsten wird dies, wenn er buchstäblich aus seinem Idyllen-Puppenhaus herauswächst und sich eine orangerote Schwimmweste umschnallt (in der er sich witzigerweise ziemlich verheddert). Da wirkt er stellenweise wie ein rettender Engel.

Nach 50 Minuten war die für 70 Minuten angekündigte Vorstellung vorbei – weil ziemlich schnell alles gesagt beziehungsweise getanzt war, weil also das Thema als Tanzstück nicht weiter trägt. RAINER W. JANKA

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