Traunstein – „Die Fülle der Erlebnisse ist als reine Ansicht nicht darstellbar – erforderlich ist eine Komposition.“ Wendet man dieses Zitat von Hildegard Bauer-Lagally (1921 bis 2018) auf ihre Werke an, so spürt man beim Betrachten, dass sie ihrer selbst gestellten Anforderung gerecht wurde. Im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage findet noch bis zum 18. August in der Alten Wache am Traunsteiner Stadtplatz unter dem Motto „Salzstraße trifft Chiemsee“ eine Ausstellung ihrer Werke statt.
Zu sehen sind Bilder von der Wegstrecke der Salzstraße von Traunstein nach Seebruck, wobei die Künstlerin in ihren Werken nicht nur die malerischen Ausblicke auf das Bergpanorama und die so unterschiedlichen Stimmungen des Chiemsees einfing. Als kreativer Freigeist gelang ihr in eigener Formen- und Bildsprache ein charaktervoller Ausdruck dessen, was vor ihr andere zigfach im Postkartenidyll umsetzten.
Die in Cham im Bayerischen Wald geborene Künstlerin verbrachte einen Großteil ihres Lebens im Chiemgau. In ihren Arbeiten spürt man eine tiefe Verwurzelung und Liebe zum Chiemgau, der für sie weit mehr als ein inspiratives Landschaftsidyll darstellte. So sieht man vor dem Hintergrund bekannter Chiemgauer Orte, vielleicht sich gegenseitig inspirierend, auch Skulpturen des Bildhauers Heinrich Kirchners – die beiden Künstler kannten und schätzten sich gegenseitig.
Bauer-Lagallys Kunstschaffen wurde entscheidend geprägt von der jeweiligen Umgebung, in der sie sich aufhielt. Stimmungsvoll ins rechte Licht gerückt sind auch die Salinenhäuser in der Traunsteiner Au Kunst geworden, wie die Kirche St. Johannes der Täufer in Stöttham bei Chieming.
Eine scheinbare Verfremdung sind Wesensmerkmal ihrer Werke: Hildegard Bauer-Lagally hat sich zeitlebens mit Fragen der Abstraktion beschäftigt, hat ihre Bilder in Einzelteile zerlegt, Formen und Farben isoliert und zu neuen Kompositionen zusammengefügt. Damit bietet sie, in teils collagenhafter Umsetzung, dem Betrachter neue Perspektiven, lässt weiterdenken oder legt zunächst übersehene Details offen: „Die meist aus der Natur stammenden und wahrgenommenen Formen werden mehrfach aneinandergereiht, gedreht, immer wieder gespiegelt und in ihrer Farbigkeit verändert. So entstehen serielle Aneinanderreihungen, die zu neuen abstrakten Realitäten führen“, bringt es Herbert Stahl als Vorsitzender des Traunsteiner Kunstvereins in gut verständlicher Sprache in seiner Laudatio auf den Punkt. Die beiden Pole Realismus und Abstraktion und deren Beziehungen untereinander seien für Bauer-Lagally von Anfang an und bis zu ihrem letzten Bild von unausweichlicher Anziehungskraft gewesen.
Ihr letztes Werk blieb, wie ihr Sohn Stefan Bauer, der die Ausstellung initiiert hatte, vermutet, unvollendet. Mit über 90 Jahren fühlte sie sich von einer großen, teilweise abgestorbenen Eiche vor ihrem Wohnhaus, dem Thomahof, inspiriert. Ihr Werk bildet den alten, sterbenden Baumriesen vor blauem Himmel im starken farblichen Kontrast ab. Über die gesamte Bildfläche verteilt sind kleine, rautenförmige Formen zu sehen: Grüne Blätter treiben aus, trotzen dem Verfall – ein (Über-) Lebenszeichen im Vergehen, eine Hoffnung über den Tod hinaus, „sichtbar“ zu bleiben, für Bauer-Lagally vielleicht eine symbolhafte Auseinandersetzung mit Leben und Tod. In ihrer Kunst, so viel ist gewiss, hat Hildegard Bauer-Lagally überlebt und spendet damit Hoffnung und Zuversicht.Kirsten Benekam