Amerang – Die ersten Takte am Flügel sind gespielt, da zieht ein Saxofon mit einer betörenden Melodie aus dem Off die Zuhörer in seinen Bann. Nicole Heartseeker und Mulo Francel beginnen den Abend auf Schloss Amerang mit einer melancholischen Komposition des Wasserburger Pianisten Peter Ludwig: „Lisboa“.
Grenzen der
Genres ausloten
Heartseeker, klassisch ausgebildete Organistin mit einem Faible für Händel und Bach, und Francel, Tango-Liebhaber und Weltmusiker, loten mit ihren Instrumenten die Grenzen der Genres aus. Mit dem Mond als dramaturgischen roten Faden sampeln sie Beethovens Klaviersonate Nr. 14 – die „Mondscheinsonate“ – mit dem Sinatra-Song „Fly Me To The Moon“, improvisieren über den Love Song „Moon River“ und die Canzone „Luna Rossa“. Und sie experimentieren überdies mit den räumlichen Begebenheiten, wenn das Saxofon unverhofft aus den Arkaden ertönt oder aus einem Fenster oberhalb der Bühne.
Es ist ein stimmungsvolles, anregendes Wechselspiel, das Nicole Heartseeker und Mulo Francel auf Schloss Amerang bieten. Die Pianistin, die auch mit dem Clemente Ensemble musiziert, gesteht, sie habe zu Beginn ihrer Zusammenarbeit mit dem rastlosen Quadro-Nuevo-Saxofonisten die Befürchtung gehabt, sein Spiel könne ihres womöglich dominieren. In Peter Ludwigs „Cäsar“ hat sie tatsächlich Mühe, nicht von der quirligen Klarinette Francels abgehängt zu werden. Die furiose Komposition im Klezmer-Stil gibt eine enorme Geschwindigkeit vor.
Bedachtsam, beinahe lautlos, improvisiert der Saxofonist dann zum Klavierständchen von Schubert: „Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir, in den stillen Hain hernieder, Liebchen, komm zu mir.“
Im sentimentalen Schlager „Tu si na cosa grande per me“ („Du bist etwas Großes für mich“), mit dem Ornella Vanoni 1964 das „Festival di Napoli“ gewann, singt das Saxofon förmlich. Das Klavier gibt zunächst den Takt vor, steigert sein Spiel dann dramatisch und intensiv, um schließlich wieder in Harmonie mit dem Saxofon zusammenzufinden.
Federleichtes Spiel
am Klavier
„Was Lustiges“ folgt mit „Zirkus“, einem Stück, das tanzende Pinguine, Pudel oder auch Hamster – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – evoziert und das Mulo Francel vor über 20 Jahren mit Peter Ludwig und Didi Lowka als Ensemble Trio Obscur eingespielt hat. Demselben Album ist auch das Stückchen „Merlin hat Sex“ entnommen, bei dem jetzt Nicole Heartseeker mit ihrem beweglichen, federleichten Klavierspiel verzaubern kann.
Klavier und Saxofon, das funktioniert, egal in welchem Genre. Die Pianistin im eleganten weißen Kleid, der Saxofonist im minimalistischen Schwarz: Gegensätze ziehen sich an.